Wer in den letzten Jahren ein klassisches Obligationenportfolio gehalten hat, kennt das Gefühl: nominale Kupons sehen ordentlich aus, aber wenn die Inflation 3 % oder mehr pro Jahr aushöhlt, schmilzt der reale Cashflow weg. Inflation-Linked Bonds – auf Deutsch: inflationsgeschützte Anleihen oder «Linker» – sind genau für dieses Problem konstruiert. Sie zahlen einen realen Kupon plus einen jährlichen Inflationsausgleich auf den Nominalwert. Für Schweizer Anleger sind sie eine spannende, aber häufig unterschätzte Cashflow-Quelle.
Wie Linker mechanisch funktionieren
Bei einem klassischen Linker – zum Beispiel einem US Treasury Inflation-Protected Security (TIPS) oder einem französischen OATi – ist der Kupon fix in Prozent festgelegt (zum Beispiel 1.5 %), aber der Nominalwert wird laufend an einen Inflationsindex (CPI in den USA, HICP ex Tabak im Euroraum) angepasst. Steigt der Index um 3 %, steigt der Nominalwert um 3 %, und der nächste Kupon wird auf den höheren Nominalwert berechnet. Bei Fälligkeit erhält man entweder den aufgeblähten Nominalwert oder – bei Deflation – mindestens den ursprünglichen 100 %. Diese Deflations-Untergrenze ist ein oft übersehenes Geschenk.
Das Resultat: der reale Coupon bleibt real. Während eine nominale Anleihe bei 4 % Kupon und 3 % Inflation real nur 1 % abwirft, liefert ein Linker mit 1.5 % realem Kupon plus 3 % Inflationsausgleich wirtschaftlich gleichviel oder mehr – mit dem Unterschied, dass die Mechanik den Inflationsschutz garantiert, nicht der Markt.
Zugang über ETFs – die einzig praktikable Lösung
Einzelne TIPS oder OATi direkt zu kaufen, ist für Schweizer Privatanleger umständlich. Die Mindestlots, die Sekundärmarkt-Spreads und vor allem die Quellensteuer-Mechanik sprechen klar für den ETF-Weg. Bewährt für Schweizer Depots: der iShares USD TIPS UCITS ETF (ISIN IE00B1FZSC47, auch als CHF-hedged Tranche IE00BDQYWQ65 erhältlich), der Lyxor Core US TIPS sowie der Xtrackers Eurozone Inflation-Linked Bond UCITS ETF (LU0290357929). Für reine Euro-Linker mit kurzer Duration lohnt sich der iShares € Inflation Linked Govt Bond 0-5Y UCITS ETF.
Wichtig bei der Auswahl: Linker reagieren stärker auf Realzinsen als auf nominale Zinsen. Ein 20-jähriger TIPS-ETF hat eine Duration von rund 15 Jahren auf Realzinsen – das ist kein konservatives Cash-Substitut, sondern ein zinssensitives Instrument. Wer Schwankungen minimieren will, greift zu Kurzläufer-Tranchen (0–5 Jahre); wer maximale Inflationsabsicherung sucht, nimmt längere Laufzeiten in Kauf.
CHF-Hedge ja oder nein
Hier scheiden sich die Geister. Ein CHF-gehedgter TIPS-ETF nimmt die Währungsschwankung weg, aber auch einen Teil der Rendite – die Hedge-Kosten lagen 2025 bei rund 1.0 bis 1.5 % p. a. gegenüber dem US-Dollar. Wer einen langen Anlagehorizont (10+ Jahre) hat und einen Teil seines Vermögens ohnehin global diversifiziert, kann ungehedgt fahren und den USD als zweite Stabilisierungsquelle nutzen. Wer den Linker als reines Inflations-Hedging für Schweizer Kaufkraft sieht, sollte CHF-hedged wählen. Schweizer Bundesobligationen mit Inflationsindexierung existieren übrigens nicht – die SNB-Strategie und die historisch tiefe Schweizer Inflation haben das Produkt nie attraktiv gemacht. Wer Inflationsschutz auf Schweizer Kaufkraft sucht, ist also auf Fremdwährungs-Linker mit CHF-Hedge angewiesen.
Steuer-Behandlung in der Schweiz
Steuerlich sind Linker für Privatanleger fair: Die Zinskupons werden als Ertrag versteuert. Die Inflationsanpassung am Nominalwert wird vom Schweizer Steuerrecht ebenfalls als steuerbarer Ertrag behandelt – auch wenn sie erst bei Fälligkeit oder Verkauf realisiert wird. Bei ETFs vereinfacht sich das, weil die Fondsgesellschaft ESTV-konform reportet; der Steuerwert findet sich im Kursliste-System der ESTV. Verluste durch Kursrückgänge bei steigenden Realzinsen sind allerdings nicht abzugsfähig – das ist der Preis dafür, dass Kursgewinne im Privatvermögen steuerfrei sind.
Wer den Cashflow konkret sehen will: Ein TIPS-ETF mit 1.5 % realem Kupon plus 2 % aktuelle Breakeven-Inflation liefert nominal rund 3.5 % Ausschüttung pro Jahr – bei deutlich besserem Inflationsschutz als eine nominale Anleihe gleicher Laufzeit. Mehr zur Mechanik von festverzinslichen Cashflow-Quellen findet sich im Artikel zu Anleihen-ETFs für Schweizer Anleger.
Fazit
Inflation-Linked Bonds gehören in jedes ernsthaft strukturierte Schweizer Vermögensportfolio – nicht als Spekulation auf hohe Inflation, sondern als Versicherung gegen das Szenario, in dem klassische Anleihen real verlieren. Wer 10 bis 20 % seines festverzinslichen Anteils in Linker allokiert, kauft sich Cashflow plus Kaufkraftschutz in einem Produkt. Konkreter erster Schritt: einen iShares TIPS-ETF (CHF-hedged) im eigenen Depot auf Watchlist setzen, die letzten drei Ausschüttungen prüfen und mit 5 % Beimischung starten.