Finanzen

Express-Zertifikate: Cashflow mit Autocall

Es gibt eine Art von Anlage, die belohnt, wenn der Markt einfach nichts Dramatisches tut. Kein Crash, kein Höhenflug – nur ein bisschen Seitwärts oder leicht aufwärts. Genau in diesem Mittelfeld, in dem viele Schweizer Depots seit Monaten festsitzen, spielen Express-Zertifikate ihre Stärke aus. Sie versprechen einen festen Ertrag und obendrein die Chance, das eingesetzte Kapital vorzeitig samt Coupon zurückzubekommen. Dieser «Express»-Mechanismus, im Fachjargon Autocall genannt, ist das Herzstück und unterscheidet das Produkt von klassischen Couponpapieren.

Wie der Express-Mechanismus funktioniert

Ein Express-Zertifikat bezieht sich auf einen Basiswert – meist eine Aktie oder einen Index wie den SMI. Bei der Emission wird eine Kursschwelle festgelegt, die sogenannte Tilgungsschwelle, häufig der Startkurs des Basiswerts. Hinzu kommt ein jährlicher Beobachtungstag.

Der Ablauf ist erstaunlich klar. Notiert der Basiswert am Beobachtungstag auf oder über der Tilgungsschwelle, wird das Zertifikat sofort fällig: Sie erhalten Ihren Einsatz zurück plus den vereinbarten Coupon. Das Papier ist damit «express» beendet, oft schon nach einem Jahr. Liegt der Kurs darunter, läuft das Zertifikat ein weiteres Jahr bis zum nächsten Beobachtungstag – und der Coupon wird in vielen Strukturen aufgeschoben und kumuliert. Klassische Express-Zertifikate haben eine maximale Laufzeit von drei bis sechs Jahren, die Couponhöhe liegt meist zwischen fünf und acht Prozent pro Jahr.

Der Sicherheitspuffer und seine Grenzen

Der zweite zentrale Baustein ist die Barriere, eine tiefer liegende Sicherheitsschwelle, oft bei sechzig bis siebzig Prozent des Startkurses. Sie entscheidet darüber, was am Laufzeitende passiert, falls das Zertifikat nie vorzeitig getilgt wurde.

Wird die Tilgungsschwelle an keinem Beobachtungstag erreicht, der Basiswert berührt aber auch die Barriere nie, erhalten Sie in der Regel Ihren Ausgabepreis zurück. Das ist das versöhnliche Szenario: kein grosser Gewinn, aber auch kein Verlust. Kritisch wird es erst, wenn die Barriere verletzt wird. Dann verwandelt sich das Zertifikat am Ende in eine direkte Beteiligung am Basiswert – Sie tragen den Kursverlust voll mit, so wie bei verwandten Couponprodukten. Wer den Aufbau von gedeckelten Ertragspapieren bereits kennt, findet im Beitrag zu den Discount-Zertifikaten eine gute Vergleichsbasis für die Risikomechanik.

Worauf Schweizer Anleger achten sollten

Express-Zertifikate werden an der SIX Swiss Exchange gehandelt und von Banken wie der Zürcher Kantonalbank, Vontobel, Leonteq oder UBS emittiert. Drei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Erstens das Emittentenrisiko. Ein Zertifikat ist rechtlich eine Schuldverschreibung der ausgebenden Bank und nicht durch die Einlagensicherung geschützt. Der Untergang der Credit Suisse hat in Erinnerung gerufen, dass auch grosse Namen straucheln. Streuen Sie deshalb über mehrere Emittenten und setzen Sie nie einen zu grossen Depotanteil auf ein einzelnes Papier.

Zweitens die Wahl des Basiswerts. Da Sie im schlechtesten Fall in den Basiswert «hineinrutschen», sollten Sie ihn auch im Direktbesitz halten wollen. Ein solider Standardwert ist sinnvoller als ein hochvolatiler Einzeltitel, bei dem die Barriere schneller bricht.

Drittens die Steuern. Bei vielen Express-Strukturen wird der Coupon als steuerbarer Ertrag behandelt, während reine Kursgewinne steuerfrei bleiben können. Die genaue Optik hängt von der Ausgestaltung ab – ein Blick ins Termsheet und gegebenenfalls in die Steuerberatung lohnt sich, bevor Sie zeichnen.

Ein vierter, oft übersehener Punkt ist die Liquidität. Express-Zertifikate sind zwar börsentäglich handelbar, doch der Markt ist enger als bei einer SMI-Aktie. Wer vor dem nächsten Beobachtungstag verkaufen muss, ist auf die vom Emittenten gestellten Kurse angewiesen und zahlt unter Umständen einen spürbaren Abschlag. Planen Sie ein solches Papier deshalb als Anlage, die Sie über die gesamte mögliche Laufzeit halten können, und investieren Sie nur Geld, das Sie in dieser Zeit nicht zwingend benötigen.

Fazit: Ein Werkzeug für geduldige Seitwärtsmärkte

Express-Zertifikate sind weder ein Allheilmittel noch ein Ersatz für ein breit gestreutes Portfolio. Sie sind ein Spezialwerkzeug für eine konkrete Markterwartung: Sie rechnen damit, dass der Basiswert nicht stark einbricht, ohne zwingend einen Höhenflug zu erwarten. In diesem Szenario liefern sie planbaren Cashflow und im besten Fall eine schnelle Rückzahlung. Wer dafür den Verzicht auf Dividenden und auf unbegrenzte Kurschancen akzeptiert, erhält ein präzises Instrument für die ruhige See.

Ihr nächster Schritt: Suchen Sie auf der SIX-Plattform für strukturierte Produkte ein Express-Zertifikat auf einen SMI-Titel, den Sie ohnehin im Blick haben. Notieren Sie sich Tilgungsschwelle, Barriere, Couponhöhe und die Beobachtungstage – und rechnen Sie durch, ab welchem Kursrückgang die Barriere bricht. Diese eine Rechnung verrät Ihnen mehr über das Produkt als jeder Verkaufsprospekt.

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