Finanzen

Entnahmeplan: Vom Depot zum Monatseinkommen

Die meisten Ratgeber drehen sich darum, wie man ein Vermögen aufbaut. Viel seltener geht es um die Frage, die irgendwann genauso wichtig wird: Wie holt man das Geld wieder heraus, ohne dass es plötzlich weg ist? Wer ein Wertschriftendepot zur Pensionierung, für ein Sabbatical oder als zweites Standbein nutzen will, braucht dafür einen Plan. Ein gut konstruierter Entnahmeplan verwandelt ein schwankendes Depot in einen ruhigen, monatlichen Geldfluss – und genau das ist passives Einkommen in seiner reinsten Form.

Die 4-Prozent-Regel und ihre Grenzen

Der bekannteste Ausgangspunkt ist die «4-Prozent-Regel». Sie besagt: Wer im ersten Jahr vier Prozent seines Depotwerts entnimmt und diesen Betrag danach jährlich der Teuerung anpasst, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit dreissig Jahre lang davon zehren, ohne dass das Kapital aufgebraucht wird. Bei einem Depot von 500’000 Franken wären das 20’000 Franken im ersten Jahr, also rund 1’670 Franken pro Monat.

So eingängig die Regel ist, so umstritten ist sie inzwischen. Sie stammt aus US-Daten einer Zeit mit höheren Anleihenzinsen. Kritiker halten vier Prozent heute für zu optimistisch – gerade in einem Tiefzinsumfeld und angesichts längerer Lebenserwartung. Wer auf Nummer sicher gehen will, rechnet eher mit drei bis dreieinhalb Prozent als nachhaltiger Entnahmerate. Wichtig für Schweizer Anleger: Die Regel berücksichtigt weder Vermögenssteuer noch die hiesige, vergleichsweise tiefe Teuerung. Sie ist ein Denkrahmen, kein Naturgesetz.

Das grösste Risiko heisst Renditereihenfolge

Der gefährlichste Moment für jeden Entnahmeplan ist ein Börseneinbruch in den ersten Jahren. Dieses sogenannte Renditereihenfolge-Risiko wird oft unterschätzt: Wer gleich zu Beginn aus einem fallenden Depot Geld entnimmt, verkauft Anteile zu tiefen Kursen und entzieht dem Depot die Substanz, mit der es sich später wieder erholen müsste. Dieselbe durchschnittliche Rendite kann je nach Reihenfolge der guten und schlechten Jahre zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Die übliche Gegenmassnahme ist ein Liquiditätspuffer: zwei bis drei Jahresentnahmen auf einem Geld- oder Sparkonto, aus dem man in schlechten Börsenjahren schöpft, statt Aktien mit Verlust zu verkaufen. Wer regelmässige Ausschüttungen aus dividendenstarken Titeln oder einer Optionsstrategie bezieht, kann diesen Puffer in mageren Jahren wieder auffüllen – wie das mit verkauften Optionen funktioniert, zeigt der Beitrag zu Covered Calls als Cashflow im SMI.

Starre oder flexible Entnahme?

Bei der starren Variante legt man einen fixen, inflationsangepassten Frankenbetrag fest und entnimmt ihn unabhängig von der Börsenlage. Das gibt Planungssicherheit, erhöht aber das Risiko, in einer langen Schwächephase zu viel zu entnehmen.

Flexible Strategien koppeln die Entnahme an den Depotwert. Bei der einfachsten Form nimmt man jedes Jahr einen festen Prozentsatz des aktuellen Werts – in guten Jahren mehr, in schlechten weniger. Das Kapital geht so praktisch nie ganz aus, dafür schwankt das verfügbare Einkommen. Beliebt sind Mischformen mit «Leitplanken»: Man entnimmt einen Zielbetrag, kürzt aber, sobald das Depot unter eine definierte Schwelle fällt, und erhöht, wenn es deutlich darüber liegt. So bleibt das Einkommen meist stabil, ohne die Substanz zu gefährden.

Steuern und der erste konkrete Schritt

Ein Schweizer Vorteil wiegt schwer: Kapitalgewinne aus dem Privatvermögen sind in der Regel steuerfrei. Wer Anteile verkauft, um daraus zu leben, zahlt auf den Kursgewinn grundsätzlich keine Einkommenssteuer – versteuert werden lediglich Dividenden und Zinsen sowie das Vermögen als solches. Ein Entnahmeplan, der bewusst auf Kursgewinne statt auf hohe Ausschüttungen setzt, kann dadurch steuerlich effizienter sein als ein reines Dividendendepot. Wer als Privatperson sehr aktiv handelt, sollte allerdings die Kriterien für den gewerbsmässigen Wertschriftenhandel im Blick behalten.

Der erste Schritt ist nüchtern: Tragen Sie zusammen, wie viel Sie pro Monat tatsächlich brauchen, und ziehen Sie davon sichere Einnahmen wie AHV oder Pensionskassenrente ab. Die verbleibende Lücke ist der Betrag, den Ihr Depot liefern muss. Erst diese Zahl zeigt, ob Ihr Vermögen für eine nachhaltige Entnahme von drei bis vier Prozent ausreicht – oder ob Sie länger ansparen, flexibler entnehmen oder die Erwartungen anpassen müssen.

Ein Entnahmeplan ist kein einmaliger Beschluss, sondern eine Routine: einmal im Jahr nachrechnen, den Puffer prüfen, die Entnahme an die Realität anpassen. Wer das diszipliniert tut, macht aus einem Depot eine verlässliche Einkommensquelle – und schläft auch in einem schlechten Börsenjahr ruhig.

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