Einmal jährlich liegt der Geschäftsbericht der Pensionskasse im Briefkasten oder im Mitarbeiter-Portal. Die meisten überfliegen ihn höchstens. Wer ihn liest, stösst rasch auf eine zentrale Kennzahl: den Deckungsgrad. Ist er zu tief, gerät die Kasse in Sanierungsmodus – mit direkten Folgen für deine Verzinsung, Beiträge und letztlich die Rente. Doch was bedeutet die Zahl genau, und ab welchem Wert sollte man sich Sorgen machen?
Definition: Der Deckungsgrad in einem Satz
Der Deckungsgrad gibt an, zu welchem Prozentsatz die Pensionskasse ihre Verpflichtungen mit eigenem Vermögen decken kann. Ein Deckungsgrad von 110 Prozent bedeutet: Für jeden Franken, den die PK an aktive Versicherte und Rentnerinnen schuldet, hält sie 1.10 Franken an Vermögen vor. Bei 95 Prozent fehlen 5 Rappen pro Franken – die Kasse ist in Unterdeckung.
Die Berechnung erfolgt nach Artikel 44 BVV 2 und unterscheidet zwischen technischem und ökonomischem Deckungsgrad. Der technische Deckungsgrad rechnet mit dem von der Kasse verwendeten technischen Zins (oft 1,5 bis 2 Prozent), der ökonomische Deckungsgrad mit einem risikolosen Marktzins. Der ökonomische Wert ist meist tiefer und liefert ein realistischeres Bild – wird aber selten kommuniziert.
Schwellenwerte: Wann es heikel wird
Die Aufsichtsbehörden setzen klare Stufen. Ein technischer Deckungsgrad von mindestens 100 Prozent bedeutet Voll-Deckung. Zwischen 90 und 100 Prozent spricht man von leichter Unterdeckung – die Kasse muss Sanierungsmassnahmen prüfen, aber noch nicht zwingend einleiten. Unter 90 Prozent wird es ernst: Es greifen verpflichtende Sanierungsschritte gemäss Art. 65d BVG, etwa Minderverzinsung, höhere Beiträge oder Einmaleinlagen.
Über 115 Prozent gilt eine PK als gut kapitalisiert. Werte über 120 Prozent sind heute eher selten und schaffen Spielraum für höhere Verzinsung des Überobligatoriums. Die durchschnittliche privatrechtliche Schweizer PK liegt 2026 nach den volatilen Anlagejahren bei rund 110 bis 113 Prozent – nach Schwankungen bekannt im Bandbreitenbereich nach den Marktverläufen.
Was bei Unterdeckung tatsächlich passiert
Eine PK in Unterdeckung leidet nicht von einem Tag auf den nächsten zusammen, aber für aktive Versicherte spürbar sind drei Dinge. Erstens kann der Zins auf dem Altersguthaben unter den BVG-Mindestzins fallen – aktuell 1,25 Prozent. Im Überobligatorium gibt es keine Mindestverzinsung, und Kassen mit Unterdeckung verzinsen oft mit 0 Prozent oder dem reinen BVG-Mindestsatz. Zweitens können Sanierungsbeiträge über zwei bis fünf Jahre eingezogen werden – paritätisch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Drittens kann die Kasse Einmaleinlagen der Aktiven oder des Arbeitgebers verlangen, was steuerlich abziehbar, aber unbeliebt ist.
Rentner sind weitgehend geschützt: Laufende Renten dürfen nur in extremen Ausnahmefällen gekürzt werden. Das verschiebt die Sanierungslast auf die Aktiven – eine Generationen-Frage, die in vielen PKs heiss diskutiert wird.
So liest du den Wert richtig
Ein Wert allein sagt wenig. Drei Vergleiche helfen. Erstens die Zeitreihe: Wie hat sich der Deckungsgrad über fünf Jahre entwickelt? Ein konstanter Wert um 110 Prozent ist robuster als ein Achterbahn-Pfad. Zweitens das Anlageprofil: Eine PK mit hohem Aktienanteil kann in starken Jahren 120 Prozent erreichen und in Schwächejahren auf 95 Prozent fallen. Die Schwankungsreserve muss zur Strategie passen. Drittens die Versichertenstruktur: Eine PK mit hohem Rentneranteil hat weniger Spielraum für Sanierung, weil weniger Aktive die Last tragen können.
Konkret: Verlange den Geschäftsbericht und schau auf vier Positionen. Den Deckungsgrad selbst, die Wertschwankungsreserve (Zielwert idealerweise erreicht), die technische Zinsannahme (tiefer = vorsichtiger) und das Verhältnis von Aktiven zu Rentnern. Diese vier Zahlen geben dir ein deutlich klareres Bild als die Werbeprospekte deiner Kasse.
Eine breitere Einordnung der Pensionskassen-Logik findest du in meinem Beitrag zum Pensionskassenausweis – dort sind die persönlichen Werte das Thema, hier die Gesundheit der Kasse insgesamt.
Was du tun kannst – konkret
Du kannst die Anlagepolitik deiner PK nicht direkt steuern, aber du hast drei Hebel. Erstens prüfst du, ob ein PK-Einkauf unter Unterdeckungsbedingungen sinnvoll ist – häufig nicht, weil eine spätere Sanierung dein Einkaufsguthaben mitkürzen kann. Zweitens kann ein Stellenwechsel auch ein Wechsel der PK bedeuten – ein guter Zeitpunkt, die neue Kasse vor Antritt zu prüfen. Drittens wirst du aktiv im Stiftungsrat, wenn du langfristig in einem Unternehmen bleibst – Arbeitnehmervertreter haben echte Mitsprache.
Der nächste konkrete Schritt: Lade den letzten Geschäftsbericht deiner PK herunter, notiere die vier Kennzahlen und vergleiche sie mit den hier genannten Schwellenwerten. So weisst du, wie solide deine zweite Säule wirklich steht – und musst nicht auf das Hörensagen am Mittagstisch vertrauen.