Apotheke

Konjunktivitis: viral, bakteriell, allergisch unterscheiden

Rote, tränende, juckende Augen sind im Frühsommer ein Klassiker am Apotheken-HV: Pollen, Schwimmbad-Wasser und Erkältungswellen treffen aufeinander. Konjunktivitis ist als Sammelbegriff harmlos klingend, die richtige Therapie hängt aber strikt von der Ursache ab – allergisch, viral oder bakteriell. Die Triage am Handverkauf kann jede Drittperson mit fünf gezielten Fragen leisten, bevor das falsche Mittel verkauft wird.

Die drei Formen und ihre Leitsymptome

Die allergische Konjunktivitis (saisonal bei Pollen, ganzjährig bei Hausstaubmilben oder Tierhaaren) zeichnet sich durch starken Juckreiz, beidseitiges Tränen, leichte Rötung und meist begleitende Niesattacken aus. Das ist mit Abstand die häufigste Form in der Pollensaison.

Die virale Konjunktivitis (oft Adeno-Viren, manchmal Begleit-Symptom einer Erkältung) bringt starkes Tränen, Brennen, häufig vorgängige Halsschmerzen oder Schnupfen. Hochgradig ansteckend – Handtuch und Kissen müssen täglich gewechselt werden. Die Sekretion ist meist wässrig, nicht eitrig.

Die bakterielle Konjunktivitis hat zähes, gelblich-grünes Sekret, oft verklebte Augenlider am Morgen und keinen Juckreiz. Sie kann einseitig beginnen und auf das zweite Auge übergreifen. Lokal-Antibiotika sind in der Schweiz rezeptpflichtig (Tobramycin, Chloramphenicol, Fluorchinolone) – die Apotheke verweist zur Hausärztin oder zum netCare-Service, wo ein Triage-Algorithmus oft eine Erstabgabe ermöglicht.

Die fünf Triage-Fragen am HV

Vor jedem Verkauf von Augentropfen lohnen sich diese fünf Fragen. Erstens: Juckt es stark oder eher Brennen und Fremdkörpergefühl? Juckreiz zeigt allergische Genese. Zweitens: Beide Augen oder zuerst eines? Beidseitig spricht eher für allergisch oder viral, einseitig für bakteriell oder Fremdkörper. Drittens: Wie ist das Sekret – wässrig oder eitrig? Eitrig-zäh ist bakteriell. Viertens: Bestehen Erkältungssymptome – Schnupfen, Halsweh, Fieber? Dann häufig viral. Fünftens: Wie lange schon? Über fünf Tage ohne Besserung oder mit Verschlechterung gehört zur Ärztin.

Rote Flagge: Schmerzen im Auge (nicht nur Brennen), Lichtempfindlichkeit, Sehstörungen, Kontaktlinsen-Trägerinnen mit akuter Rötung – alles potenziell ernste Differentialdiagnosen wie Keratitis, Iritis, akuter Glaukom-Anfall. Hier sofort zur Ärztin, nicht zur Apotheke.

Selbstmedikations-Optionen nach Ursache

Allergisch: Wirkstoff der ersten Wahl ist Ketotifen-Augentropfen (Zaditen ophta, rezeptfrei). Wirkt mast­zell­sta­bi­li­sie­rend und antihistaminisch in einem, zwei Tropfen zweimal täglich. Alternative: Olopatadin (Opatanol) ist rezeptpflichtig. Daneben Nedocromil (Tilavist) und Cromoglicinsäure als reine Mastzell-Stabilisatoren – wirken nur prophylaktisch, brauchen ein bis zwei Wochen Vorlauf. Bei zusätzlichen Nasensymptomen kombiniert man mit einem oralen Antihistaminikum (Bilastin, Desloratadin, Levocetirizin – nicht-sedierend).

Viral: Kausale Therapie gibt es nicht. Symptomatisch helfen befeuchtende Augentropfen mit Hyaluronsäure ohne Konservierungsmittel (Hylo-Comod, Vismed, Hyabak) – mehrmals täglich. Kalte Kompressen lindern. Wichtig: Aufklärung über die Ansteckungsgefahr (sieben bis vierzehn Tage hochinfektiös), getrennte Handtücher, häufiges Händewaschen, nicht reiben. Eine virale Konjunktivitis heilt selbstständig in ein bis drei Wochen ab.

Bakteriell (zweifelhaft, ohne Rezept): In der Schweiz ist Hexamidin (Desomedine) als antiseptische Augentropfen rezeptfrei – Wirkung bei oberflächlich-bakterieller Konjunktivitis dokumentiert, in vielen Apotheken bereits im Standard-Sortiment. Polyvidon-Jod-Augentropfen 1.25 Prozent (Vitajod) sind ebenfalls eine Option. Bei klarer bakterieller Konjunktivitis ist trotzdem der Verweis zur Hausärztin oder zur netCare-Triage angezeigt – Antibiotika-Augentropfen wirken zuverlässiger und kürzer.

Wer im Sommer regelmässig mit Allergien zu tun hat, findet im Heuschnupfen-Ratgeber zur ganzheitlichen Beratung weitere Hintergründe – Auge, Nase und Bronchien hängen oft zusammen.

Besondere Gruppen und Kontraindikationen

Kontaktlinsen-Trägerinnen sollten die Linsen bei jeder Konjunktivitis weglassen – mindestens bis drei Tage nach Symptomende. Konservierungsmittel-haltige Tropfen können Mikro-Verletzungen verursachen. Schwangere und Stillende: Ketotifen ist in Studien unauffällig, im Zweifel mit Hausärztin abstimmen. Kinder unter drei Jahren mit roten Augen gehören grundsätzlich zur Kinderärztin – Konjunktivitis kann hier eine schwere Mittelohrentzündung begleiten oder eine Tränenkanal-Stenose verbergen. Babys unter 28 Tagen mit eitriger Konjunktivitis sind ein Notfall (Verdacht auf Gonokokken oder Chlamydien-Übertragung).

Fazit

Die Konjunktivitis ist eine Königsdisziplin der Apotheken-Triage: häufig, meist harmlos, mit klaren Leitsymptomen und einer klaren Liste roter Flaggen. Wer die fünf Triage-Fragen sauber stellt, vermeidet Fehlabgaben (Antiallergikum bei viraler Konjunktivitis bringt nichts) und erkennt rechtzeitig die wenigen ernsten Fälle. Symptomatische Hilfsmittel – Tränenersatz, Ketotifen, antiseptische Tropfen – sind alle rezeptfrei verfügbar; gezielte Antibiotika und die Differentialdiagnose der ernsten Augenerkrankungen bleiben aber bei der Ärztin oder im netCare-Service.

Beratungstipp: Vor Ausgabe der Augentropfen immer den korrekten Applikationsweg zeigen – Kopf nach hinten, Unterlid herunterziehen, Tropfen in den Bindesack, Auge fünf Sekunden geschlossen halten, leicht auf den inneren Augenwinkel drücken. Das verhindert systemische Aufnahme und stellt die Wirkung am richtigen Ort sicher.

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