Die Sonne brennt im Mai auf das Schweizer Hausdach, der eigene Speicher ist seit zehn Uhr morgens voll, und die Anlage drosselt sich – während die Nachbarn nebenan teuren Bandstrom aus dem Netz ziehen. Bis Ende 2024 war dieses Paradox nur schwer aufzulösen. Seit 1. Januar 2025 ändert das die virtuelle Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV): PV-Besitzer in der Schweiz dürfen ihren Solarstrom direkt an Mieter, Nachbarn oder andere Verbraucher im selben Verteilnetz weiterverkaufen – ohne Eigentum am Dach. Daraus wird ein passives Einkommen, das nicht von der KEV oder einer Einspeisevergütung abhängt.
Wie vZEV funktioniert – kurz und sauber
Klassischer ZEV (Zusammenschluss zum Eigenverbrauch) bedingte, dass alle Verbraucher physisch hinter demselben Netzanschlusspunkt hängen – also typischerweise dasselbe Mehrfamilienhaus. Der vZEV löst diese Bedingung auf: Verbraucher können in unterschiedlichen Gebäuden sein, solange sie im gleichen Niederspannungsnetz des lokalen Verteilnetzbetreibers (VNB) liegen. Der VNB rechnet den Strombezug der ZEV-Teilnehmer intern gegen die PV-Produktion und stellt nur den Saldo aus dem Netz in Rechnung. Der Eigentümer der Anlage – also der Stromproduzent – fakturiert seinen Mitgliedern direkt einen vereinbarten Preis (oft 18–25 Rp./kWh) und behält die Differenz zum Einspeisetarif (5–10 Rp./kWh) als Cashflow.
Wer eine 20-kWp-Anlage besitzt und davon 8’000 kWh jährlich an drei Nachbarn zu 22 Rp. statt für 7 Rp. einspeist, verdient zusätzlich rund CHF 1’200 pro Jahr – passiv, ohne neue Hardware, nur durch einen Wechsel des Abrechnungsmodells.
Was es konkret braucht
Der Einstieg ist anspruchsvoller als ein Crowdinvesting, aber überschaubar. Nötig sind: eine bestehende PV-Anlage (oder Beteiligung), eine Vereinbarung mit dem lokalen VNB über den vZEV (alle grossen Schweizer VNB haben seit Mitte 2025 entsprechende Tarifblätter), Smart Meter bei allen Teilnehmern (in vielen Gemeinden mit dem Rollout 2026 ohnehin Standard), ein interner Verteilschlüssel und ein Abrechnungsdienstleister. Plattformen wie Smart Energy Link, CKW Eco oder Optimatik übernehmen die monatliche Verrechnung für ca. CHF 8–15 pro Teilnehmer und Monat – die Kosten lassen sich entweder auf die Teilnehmer überwälzen oder vom Cashflow abziehen.
Wichtig: Der Einspeisetarif ist die Untergrenze. Wer seinen vZEV-Tarif unter dem lokalen Bezugstarif (typischerweise 28–34 Rp./kWh inkl. Netzgebühren in der Hochtarifzeit 2026) ansetzt, bietet seinen Mitgliedern einen echten Vorteil. Bei zu aggressivem Preis kippt der Deal – Nachbarn rechnen schnell nach. Bei zu tiefem Preis verschenkt der Eigentümer Marge.
Steuerliche Behandlung in der Schweiz
Stromverkauf aus einer privaten PV-Anlage gilt grundsätzlich als Einkommen aus beweglichem Vermögen und ist deklarationspflichtig. Die Kantone handhaben das unterschiedlich: Im Kanton Zürich gilt für PV-Anlagen bis 30 kWp eine Pauschalbesteuerung (50 % der Bruttoeinnahmen als Einkommen), in anderen Kantonen wird der effektive Reingewinn nach Abzug von Abschreibungen, Reparaturen und Versicherung besteuert. Bei einer Anlage, die als Gebäudeinvestition aktiviert wurde, mindern die Mieteinnahmen entsprechend den Eigenmietwert – ein Hebel, der gerade bei höheren Steuersätzen lohnt.
Wer den vZEV als juristische Person (GmbH, Einfache Gesellschaft) aufzieht, erleichtert Buchhaltung und Haftung – lohnt sich aber erst ab vier bis fünf Teilnehmern oder mehreren Anlagen. AHV-Beiträge fallen erst an, wenn das Modell als selbständige Erwerbstätigkeit eingestuft wird (regelmässig, organisiert, mit Gewinnabsicht). Bis zur Schwelle von rund CHF 17’500 Reingewinn ist das in den meisten Kantonen unkritisch.
Wo der Hebel am grössten ist
Der Effekt wird unterschätzt im Mehrfamilienhaus mit gemischtem Eigentum: Wer als Stockwerkeigentümer mit eigener Dachanteilsfläche eine PV-Anlage betreibt und die übrigen STWE-Einheiten mitversorgt, kann den Cashflow stabil ausbauen. In Einfamilienhaus-Quartieren mit dichter Bebauung (Reihenhäuser, Townhouses) sind drei bis fünf Nachbarn realistisch und ergeben jährlich CHF 800 bis CHF 2’500 netto pro Anlage – planbar, indexiert an den Bezugstarif des VNB.
Wer ein Modell ohne eigene Anlage sucht, wirft einen Blick auf Schweizer Immobilienfonds an der SIX – kotierte Real-Estate-Funds liefern vergleichbare Renditen aus dem gleichen Energie-Thema, ohne dass man selbst Bauherr werden muss.
Fazit
vZEV ist kein Investmentmodell – es ist die Monetarisierung einer Anlage, die ohnehin steht. Wer eine PV-Anlage besitzt und bisher zum Einspeisetarif abgegeben hat, sollte 2026 zwingend mit dem lokalen VNB sprechen. Der Aufwand für die Umstellung beträgt einmalig 4–8 Stunden, der Cashflow läuft danach passiv über die Plattform. Realistischer Einstieg: VNB anschreiben, Tarifblatt anfordern, ersten Nachbarn überzeugen, im Sommer skalieren.