Radon ist das unsichtbare Risiko im Schweizer Eigenheim. Das radioaktive Edelgas dringt aus dem Untergrund in Keller und Erdgeschoss, ist geruchlos, geschmacklos und gehört laut BAG nach dem Rauchen zur zweithäufigsten Ursache für Lungenkrebs. Der Schweizer Referenzwert liegt bei 300 Bq/m³ im Jahresmittel. Wer mit einem Airthings View Plus arbeitet, kann diesen Wert nicht nur ablesen, sondern in Home Assistant aktiv überwachen und Lüftungsroutinen automatisieren. Genau dort wird aus einem Anzeigegerät ein Werkzeug.
Warum gerade Airthings View Plus
Airthings ist im DACH-Raum der pragmatischste Anbieter für Smart-Home-Radonmessung. Das View Plus misst neben Radon auch CO₂, VOC, PM2.5, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck – ein vollständiges Indoor-Air-Quality-Panel in einem Gerät. Die offizielle Airthings-Integration ist seit Home Assistant 2023.11 nativ verfügbar und liefert die Werte über die Cloud im Zehn-Minuten-Takt. Wer keine Cloud will, kann mit BTHome und einem ESP32 als Bluetooth-Proxy auch lokal lesen – das ist technisch reizvoll, für Radon-Trends aber unnötig, weil sich die Werte langsam ändern.
In Home Assistant erscheint das Gerät mit Sensoren wie sensor.view_plus_2_radon, sensor.view_plus_2_kohlendioxid und sensor.view_plus_2_voc_anteil. Diese Werte sind der Ausgangspunkt für jede Automation.
Sinnvolle Schwellen und Trigger
Eine einzelne Stundenmessung sagt wenig. Radon schwankt tageszeitlich und wetterabhängig. Aussagekräftig ist der gleitende Mittelwert über 24 Stunden – idealerweise über sieben Tage. Mit statistics-Sensoren lässt sich das ohne externe Integration berechnen:
# configuration.yaml
sensor:
- platform: statistics
name: "Radon Büro 24h"
entity_id: sensor.view_plus_2_radon
state_characteristic: mean
max_age:
hours: 24
- platform: statistics
name: "Radon Büro 7d"
entity_id: sensor.view_plus_2_radon
state_characteristic: mean
max_age:
hours: 168
Für eine sinnvolle Schwellen-Logik bietet sich ein dreistufiges Modell an: Unter 100 Bq/m³ ist alles im grünen Bereich. Zwischen 100 und 300 Bq/m³ schlägt eine sanfte Benachrichtigung vor, das Fenster zu kippen. Über 300 Bq/m³ wird die Wohnraumlüftung aktiv hochgefahren oder ein lokales Signal gesetzt.
Automatisierung mit echter Wirkung
Das eigentliche Ziel ist nicht das Dashboard, sondern eine reduzierte Belastung. Eine Automation, die abends bei hohem Wert die Stosslüftung erinnert, bringt mehr als jedes hübsche Diagramm:
automation:
- alias: "Radon: Lüftungs-Hinweis am Abend"
triggers:
- trigger: numeric_state
entity_id: sensor.radon_buro_24h
above: 250
for: "00:30:00"
conditions:
- condition: time
after: "18:00:00"
before: "22:00:00"
- condition: state
entity_id: binary_sensor.fenster_buro
state: "off"
actions:
- action: notify.mobile_app_iphone
data:
title: "Radon erhöht"
message: "24h-Mittel {{ states('sensor.radon_buro_24h') | round(0) }} Bq/m³ – Fenster für 10 Min kippen."
Wer eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Smart-Steuerung hat, kann statt einer Push-Benachrichtigung direkt die Lüftungsstufe erhöhen. Bei einer Hue-Lampe als Statussignal in der Küche reichen drei Farbzustände – grün, gelb, rot – um die Familie auf dem Laufenden zu halten.
Langfristige Auswertung in Grafana
Radon ist ein Wert, der über Monate beobachtet werden will. Eine InfluxDB-Anbindung mit Grafana-Dashboard zeigt den Jahresverlauf und macht den Effekt baulicher Massnahmen sichtbar: Hat das neue Kellerfenster geholfen? Ist der Wert nach der Heizperiode wirklich gesunken? Solche Antworten liefert nur eine kontinuierliche Aufzeichnung. Wer noch kein Setup hat, findet die Grundlagen im Artikel zu Langzeit-Logging mit InfluxDB und Grafana.
Stolperfallen
Drei Punkte werden oft unterschätzt. Erstens muss die Airthings-Cloud-Integration mit dem Token-Login durch, was bei mehreren Geräten einmalig nervig ist. Zweitens liefert das View Plus nur alle fünf Minuten neue Werte – Trigger sollten deshalb auf for: "00:30:00" setzen, sonst flackert die Automation. Drittens ist Radon ein langsamer Wert: Ein einzelner Spitzenwert von 600 Bq/m³ ist meist harmlos, problematisch wird ein dauerhaft erhöhtes Mittel. Die Logik muss diese Trägheit abbilden.
Ein vierter, oft übersehener Punkt betrifft die Platzierung. Das View Plus sollte in Atemhöhe (1.5 Meter), weg von Aussenwand und nicht in unmittelbarer Nähe zu Lüftungsöffnungen stehen. Im Keller oder Erdgeschoss misst es typische Hot-Spots; im Schlafzimmer ergibt der Wert das relevanteste Bild, weil dort die Aufenthaltsdauer am höchsten ist. Wer in einer Mietwohnung lebt und erhöhte Werte misst, kann diese mit dem Vermieter teilen – das BAG empfiehlt baulich-lüftungstechnische Massnahmen erst ab einem Jahresmittel über 300 Bq/m³.
Fazit
Mit Airthings View Plus und Home Assistant entsteht aus einem Wert auf einem Display eine handlungsleitende Information. Wer die richtigen Statistik-Sensoren und Schwellen aufsetzt, hat in zwei Stunden ein Radon-Monitoring, das tatsächlich Verhalten und Lüftung steuert – und damit dort wirkt, wo das Problem entsteht.