Apotheke

Polymedikation: Medi-Check für Senioren

Mit jedem Lebensjahrzehnt steigt die Zahl der dauerhaft eingenommenen Medikamente. Wer 75 Jahre alt ist, nimmt in der Schweiz im Schnitt fünf bis sieben verschiedene Präparate täglich – Blutdrucksenker, Statine, Vitamin D, ein Antidepressivum, ein Magenschutz, dazu Bedarfsmedikamente. Diese Polymedikation ist mehr als eine logistische Herausforderung. Sie ist ein Risiko: Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und unnötig fortgeführte Verschreibungen führen jährlich zu vermeidbaren Spitaleinweisungen. Schweizer Apotheken bieten genau für diese Situation den «Medi-Check» an – eine strukturierte Überprüfung der gesamten Medikamentenliste.

Was beim Medi-Check passiert

Der Medi-Check, auch «Polymedikations-Check» oder pharmazeutische Betreuung Pflege genannt, ist eine kassenpflichtige Leistung der obligatorischen Krankenversicherung. Voraussetzung ist die Einnahme von mindestens vier verschiedenen Medikamenten über mindestens drei Monate. Die Apothekerin nimmt sich zwischen 30 und 60 Minuten Zeit. Mitgebracht werden sollte alles, was zu Hause im Medikamentenschrank steht – inklusive frei verkäuflicher Präparate, pflanzlicher Mittel und Nahrungsergänzungen.

Geprüft wird auf vier Ebenen: pharmakologische Wechselwirkungen, doppelte Wirkstoffe unter verschiedenen Markennamen, problematische Einnahmezeitpunkte (Blutdrucksenker und Diuretika gemeinsam morgens?) und Dosis-Anpassung an die Nierenfunktion. Das Resultat ist ein schriftlicher Bericht, der an den Hausarzt weitergeleitet wird. Anpassungen erfolgen im Anschluss durch den Arzt.

Häufige Funde in der Praxis

Vier Konstellationen tauchen in jeder zweiten Beratung auf. Zum einen «vergessene» Verschreibungen: Medikamente, die nach einem Spitalaufenthalt vor drei Jahren aufgesetzt wurden und seither weiterlaufen, obwohl die ursprüngliche Indikation entfallen ist. Klassiker sind Magenschutzpräparate wie Pantoprazol, die häufig länger genommen werden als nötig.

Zum anderen Wechselwirkungen zwischen Antikoagulantien (zum Beispiel Rivaroxaban) und nicht-steroidalen Schmerzmitteln wie Ibuprofen – eine Kombination, die das Blutungsrisiko deutlich erhöht. Dritter Klassiker sind anticholinerge Substanzen in Kombination, die bei älteren Menschen das Sturzrisiko und kognitive Beeinträchtigungen verstärken. Vierter und häufigster Fund: zwei Präparate mit identischem Wirkstoff unter verschiedenen Namen – etwa Originalpräparat und Generikum gleichzeitig, oft durch Rezeptwechsel ohne Übersicht entstanden.

Kosten, Abrechnung und Anspruch

Der Polymedikations-Check kostet in der Schweiz rund 60 Franken und wird von der obligatorischen Krankenversicherung übernommen, sofern die Kriterien erfüllt sind. Anspruch besteht in der Regel einmal pro Jahr. Ergänzend dazu gibt es den «Bezugs-Check» bei jedem Medikamentenbezug – ein kürzeres Gespräch, das auch bei akuten Fragen sinnvoll ist. Der Vergleich zur netCare-Triage ist hier hilfreich: Während netCare bei akuten Beschwerden ohne Hausarzt-Termin greift, ist der Medi-Check explizit für chronische Polymedikation gedacht. Mehr zur netCare-Logik gibt es im Artikel zu netCare in der Apotheke.

Was Angehörige tun können

Wer betagte Eltern oder Schwiegereltern unterstützt, sollte den Medi-Check aktiv ansprechen. Hausärzte initiieren ihn selten von sich aus – sie haben oft keine Zeit für eine vollständige Durchsicht und der Anreiz fehlt. Die Initiative kommt häufig aus der Familie oder aus der Apotheke selbst. Praktisch hilfreich ist eine schriftliche Liste mit allen Präparaten, Wirkstoffen, Dosen und Einnahmezeitpunkten – idealerweise mit Foto der Originalverpackungen. Das beschleunigt das Gespräch und reduziert Fehler beim Übertragen.

Auch eine Erinnerungshilfe verbessert die Therapietreue messbar. Wochendosetten, die in der Apotheke wöchentlich gerichtet werden, kosten je nach Apotheke zwischen 15 und 30 Franken pro Woche und werden in vielen Kantonen über die Spitex teilweise vergütet. Wer das mit einem digitalen Erinnerungsdienst kombiniert, halbiert die Quote vergessener Dosen laut Studien aus Genf und Basel.

Konkreter nächster Schritt

Wer selbst oder im engsten Umfeld vier oder mehr Dauermedikamente einnimmt, vereinbart in der Hausapotheke einen Termin für einen Medi-Check – einfach an der Tara fragen oder online buchen. Die Apotheke fordert anschliessend die aktuelle Medikamentenliste vom Hausarzt an. In zwei Stunden Aufwand entsteht ein dokumentierter Therapiecheck, der Wechselwirkungen reduziert und Doppelverordnungen sichtbar macht.

Digitalisierung als Hebel

Mit dem elektronischen Patientendossier und ersten Pilotprojekten für eMediplan wird der Medi-Check perspektivisch effizienter: Apotheke und Hausarzt arbeiten auf derselben Medikamentenliste, doppelte Verordnungen werden automatisch erkannt. Der digitale Reifegrad ist je nach Kanton sehr unterschiedlich, doch wer ein elektronisches Patientendossier eröffnet, profitiert spürbar.

Fazit

Polymedikation ist kein individuelles Versagen, sondern Folge moderner Mehrfachtherapie und fragmentierter Behandlungspfade. Schweizer Apotheken sind der niederschwellige Ort, an dem die Übersicht zurückgewonnen wird. Der Medi-Check ist eine Krankenkassenleistung, die zu selten genutzt wird – obwohl der Nutzen für Sicherheit und Lebensqualität älterer Menschen erheblich ist.

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