Es beginnt fast immer nachts und fast immer am Grosszehengrundgelenk: ein Schmerz, so heftig, dass schon das Gewicht der Bettdecke unerträglich wird. Das Gelenk ist rot, geschwollen, überwärmt. Ein akuter Gichtanfall gehört zu den schmerzhaftesten Ereignissen, die ein Gelenk auslösen kann – und er häuft sich im Sommer, wenn Grillabende, Bier und Flüssigkeitsmangel zusammenkommen. In der Schweiz sind schätzungsweise zwei bis drei Prozent der Erwachsenen betroffen, Männer deutlich häufiger als Frauen.
Was im Gelenk tatsächlich passiert
Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung. Beim Abbau von Purinen – Bausteinen aus Zellkernen, die über die Nahrung und aus dem körpereigenen Zellumsatz stammen – entsteht Harnsäure. Normalerweise scheiden die Nieren sie aus. Ist der Harnsäurespiegel im Blut dauerhaft zu hoch, bilden sich Kristalle, die sich bevorzugt in kühleren, gelenknahen Geweben ablagern. Deshalb trifft es zuerst den Fuss.
Der Anfall selbst ist keine Infektion, sondern eine heftige Entzündungsreaktion des Immunsystems auf diese Kristalle. Er klingt auch unbehandelt nach einigen Tagen bis zwei Wochen ab – behandelt meist innerhalb von ein bis drei Tagen. Erhöhte Harnsäurewerte allein bedeuten übrigens nicht, dass ein Anfall kommt: Viele Menschen mit hohen Werten bleiben lebenslang beschwerdefrei.
Auslöser für den ersten Anfall sind häufig ein üppiges Essen, ein Alkoholexzess – Bier ist wegen seiner Purine besonders ungünstig –, eine Fastenkur, starke Dehydration oder auch der Beginn einer harnsäuresenkenden Therapie.
Was die Apotheke im Akutfall leisten kann
Beim ersten Anfall gehört die Diagnose in ärztliche Hände. Ein rotes, geschwollenes, schmerzendes Gelenk kann auch eine bakterielle Gelenkentzündung sein, und die ist ein Notfall. Fieber, Schüttelfrost oder ein rasch zunehmend schlechtes Allgemeinbefinden sind klare Warnzeichen.
Ist die Diagnose bekannt, unterstützt die Apotheke mit rezeptfreien Massnahmen. Entzündungshemmende Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR sind in der Akutphase die Basis. Wichtig ist die frühe und ausreichend hoch dosierte Einnahme – ein halbherziger Versuch nach drei Tagen bringt wenig. Zu klären ist immer, ob Magen, Nieren, Herz oder blutverdünnende Medikamente gegen NSAR sprechen; genau diese Abklärung leistet das Beratungsgespräch am Schalter.
Ergänzend hilft Kühlen des Gelenks, konsequente Ruhigstellung und Hochlagern. Kolchizin und Kortison sind wirksame Alternativen, in der Schweiz jedoch verschreibungspflichtig.
Wer regelmässig NSAR einnimmt, kennt die Magenprobleme, die daraus entstehen können. Zum Umgang mit Sodbrennen und Magenschutz gibt der Beitrag zu Reflux und Magenbrennen: Hilfe aus der Apotheke einen Überblick.
Ernährung: Was wirklich etwas bringt
Die klassische «Purin-Diät» wird heute nüchterner beurteilt. Nahrung beeinflusst den Harnsäurespiegel messbar, aber begrenzt – oft um weniger als 20 Prozent. Trotzdem lohnen sich einige Punkte, weil sie in der Summe wirken.
Besonders ungünstig sind Alkohol, allen voran Bier, sowie fructosehaltige Süssgetränke, die die Harnsäureproduktion ankurbeln und die Ausscheidung hemmen. Auch Innereien, Sardinen, Sardellen und Fleischextrakte enthalten sehr viel Purin. Rotes Fleisch und Meeresfrüchte in Massen sind vertretbar.
Purinreiche Gemüse wie Hülsenfrüchte, Spinat oder Spargel wurden lange verteufelt – die Datenlage zeigt heute kein erhöhtes Gichtrisiko. Milchprodukte, insbesondere fettarme, wirken sogar eher schützend. Kaffee und Kirschen sind mit tieferen Werten assoziiert, ohne dass sich daraus eine Therapie ableiten liesse.
Der wohl wichtigste Einzelfaktor: Gewicht und Flüssigkeit. Zwei bis drei Liter Wasser täglich unterstützen die Nierenausscheidung, gerade bei Sommerhitze. Und eine langsame Gewichtsreduktion senkt den Harnsäurespiegel – schnelles Fasten dagegen kann einen Anfall auslösen.
Die Dauertherapie und ihre Tücken
Wiederholte Anfälle, sichtbare Ablagerungen unter der Haut, Nierensteine oder sehr hohe Werte sprechen für eine dauerhafte harnsäuresenkende Therapie. Sie ist ärztlich verordnet und meist lebenslang. Zwei Dinge werden in der Apotheke immer wieder erklärt.
Erstens: In den ersten Wochen kann die Therapie paradoxerweise Anfälle auslösen, weil sich Kristalldepots auflösen. Deshalb wird einschleichend dosiert und oft vorübergehend ein Entzündungshemmer dazugegeben. Zweitens: Die Behandlung wirkt nur, wenn sie konsequent weitergeführt wird – auch, und gerade, wenn seit Monaten kein Anfall mehr aufgetreten ist. Das Absetzen in beschwerdefreien Phasen ist der häufigste Grund für ein Rezidiv.
Fazit
Gicht ist gut behandelbar, wird aber unterschätzt: Der Anfall ist nur die sichtbare Spitze eines Stoffwechselproblems, das unbehandelt Gelenke und Nieren schädigt. Die Apotheke ist die richtige Anlaufstelle für die Akutversorgung mit NSAR, für die Frage nach Wechselwirkungen und für die ehrliche Einordnung von Ernährungsmythen. Bei erstmaligen Beschwerden, Fieber oder ausbleibender Besserung führt der Weg jedoch zur Ärztin. Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung.