Apotheke

Mikronährstoffe in der Apotheke: was hilft

Wer in den letzten zwei Jahren in einer Schweizer Apotheke nach Vitamin D, Magnesium oder Eisen gefragt hat, weiss: Das Regal ist gross, die Beratung uneinheitlich. Pro Apotheke werden im Schnitt zwölf bis fünfzehn Marken parallel geführt, vom günstigen Burgerstein-Klassiker bis zu hochpreisigen Liposomal-Präparaten ohne nachgewiesenen Mehrwert. Wer Patienten gut berät, kann hier viel Geld und Verwirrung sparen – wer einfach «was Gutes» abgibt, eher nicht. Ein Blick auf die wichtigsten Substanzen und die Frage, wo Apotheken-Beratung sinnvoll ist.

Vitamin D: Das einzige fast immer relevante Supplement

Bei zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung liegen die 25-OH-Vitamin-D-Spiegel im Winter unter 50 nmol/L – das gilt selbst bei jungen, aktiven Personen. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit BLV empfiehlt für Erwachsene eine zusätzliche Zufuhr von 600 IE pro Tag, für Personen über 60 Jahren 800 IE. In der Praxis vertragen die meisten Erwachsenen ohne Probleme 1’000 bis 2’000 IE als tägliche Dosis – oder die wöchentliche Variante von 7’000 bis 14’000 IE, die in der Schweiz mit ViDé3-Tropfen oder Streuli-Präparaten verbreitet ist.

Wichtig ist die Beratung zur Einnahme: Vitamin D ist fettlöslich und sollte zu einer Hauptmahlzeit mit etwas Fett genommen werden, sonst sinkt die Resorption auf 30 bis 50 Prozent. Tropfen mit MCT-Öl-Trägerlösung sind hier den Kapseln nicht prinzipiell überlegen, vereinfachen aber die Anpassung der Dosis. Ein Spiegel-Test ist nur sinnvoll, wenn eine konkrete Symptomatik (Knochenschmerzen, Müdigkeit, Sturzanamnese) vorliegt – Routinekontrollen ohne Hinweise zahlt die Grundversicherung nicht.

B12 und Eisen: Vor der Abgabe immer fragen

Bei B12 und Eisen wird es heikler. Beide gehören zu den am häufigsten verkauften Supplementen, aber beide brauchen eine ärztliche Abklärung, bevor man jahrelang schluckt. Eisen-Mangel zeigt sich in Müdigkeit, Haarausfall und Konzentrationsproblemen – Symptome, die genauso gut von Schilddrüsenproblemen oder Schlafmangel kommen können. Wer in der Apotheke Eisen verlangt, sollte gefragt werden: Wie wurde der Mangel diagnostiziert? Bei welchem Ferritin-Wert? Wann war die letzte Blutung? Ohne diese Daten ist eine Selbstmedikation über mehr als sechs Wochen problematisch.

Bei B12 wiederum existiert ein eigenes diagnostisches Risiko: Eine perniziöse Anämie maskiert sich initial gut durch Supplementierung, während die zugrundeliegende Resorptionsstörung unentdeckt bleibt. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin empfiehlt deshalb, einen B12-Mangel mit erhöhtem Methylmalonsäure-Wert objektiv zu bestätigen, bevor langfristig substituiert wird. In der Apotheke heisst das konkret: Bei Erstabgabe einer hochdosierten B12-Tablette (z.B. 1’000 µg Cyanocobalamin) den Hinweis auf eine ärztliche Kontrolle nach drei Monaten geben.

Magnesium, Zink, Selen: Wo Marketing endet und Evidenz beginnt

Magnesium gehört zu den meistverkauften Mineralstoffen der Schweiz, mit einem geschätzten Umsatz von über 80 Millionen Franken pro Jahr. Die wissenschaftliche Evidenz ist für drei Indikationen solide: Wadenkrämpfe bei Schwangeren, Migräneprophylaxe (ab 400 mg/Tag) und Verstopfung. Für «Stress», «Schlaf» oder «allgemeines Wohlbefinden» sind die Studien dünn bis nicht existent. Magnesiumcitrat und -bisglycinat sind besser bioverfügbar als das billigere Oxid, der Preisaufschlag bleibt mit zehn bis zwanzig Franken pro Monat aber überschaubar.

Zink und Selen werden oft bei «Immunschwäche» verlangt. Hier gilt: Zink in moderaten Dosen (10–20 mg/Tag) ist sinnvoll bei nachgewiesenem Mangel, in der Schweiz ist ein solcher selten. Selen wird in unseren Böden zwar wenig aufgenommen, der typische Konsum von Käse, Fleisch und Fisch deckt aber den Bedarf ab. Eine Dauer-Supplementation ohne Diagnose ist nicht angezeigt – und in hohen Dosen sogar mit erhöhtem Diabetes-Risiko korreliert.

Was Apotheken besser machen können

Drei Verbesserungen können den Unterschied machen. Erstens: Bei der ersten Beratung den letzten Blutwert oder den ärztlichen Befund einfordern. Wer kein Resultat vorlegen kann, bekommt eine kleine Packung für vier bis sechs Wochen und einen Hinweis auf den Hausarzt. Zweitens: Wechselwirkungen prüfen – Eisen und Magnesium binden Schilddrüsenhormone, Calcium reduziert die Resorption von Levothyroxin, Zink konkurriert mit Kupfer. Drittens: Dauerkunden aktiv ansprechen. Wer fünf Jahre lang Vitamin D schluckt, sollte einmal einen Spiegel messen lassen, statt blind weiterzuempfehlen.

Mehr zur strukturierten Beratung in unserem Beitrag zur Polymedikation in der Apotheke. Mikronährstoff-Beratung ist eine echte pharmazeutische Leistung – wenn sie nicht im Verkaufsdruck untergeht.

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