Apotheke

Wundversorgung in der Schweizer Apotheke

Schürfwunde nach dem Velosturz, Brandblase vom heissen Pfannenstiel, hartnäckige Druckstelle am Fuss nach Wanderung im Tessin: Akute und chronische Wunden landen häufiger in der Apotheke als beim Hausarzt. Die moderne Wundversorgung hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert – weg vom trockenen Pflaster, hin zur feuchten Wundheilung. Apothekerinnen und Apotheker beraten heute zu einem breiten Spektrum spezialisierter Auflagen. Ein Überblick, was 2026 zur Standardversorgung gehört – und wann der Gang zur Hausärztin nötig wird.

Prinzip: feuchte Wundheilung schlägt Schorfbildung

Lange galt: Eine Wunde muss trocknen. Heute weiss man, dass eine moderat feuchte Wundumgebung Granulation und Epithelisierung um den Faktor 2–3 beschleunigt, Schmerzen reduziert und das kosmetische Resultat verbessert. Klassische Pflaster mit Mullkompresse sind nur noch für kleine, oberflächliche Verletzungen die richtige Wahl. Für alles, was tiefer geht oder länger dauert, gibt es spezialisierte Wundauflagen.

Hydrokolloid: das Allround-Pflaster

Hydrokolloid-Auflagen (Compeed, Hansaplast Blasenpflaster, Hydrocoll, DuoDERM) bestehen aus einer Gel-bildenden Matrix, die Wundsekret aufnimmt und ein feuchtes Milieu schafft. Typische Indikationen: Blasen, oberflächliche Schürfwunden, kleinere chronische Wunden (Stadium I–II), Akne (Patch). Sie bleiben 3–7 Tage auf der Haut, sind wasserdicht und transparent.

Wichtig in der Beratung: Sie eignen sich nicht für infizierte oder stark exsudierende Wunden und nicht für tiefe oder unterminierte Defekte. Bei Verfärbung oder Geruch sofort wechseln.

Schaumverband: für stärkere Exsudation

Schaumverbände (Mepilex, Allevyn, Biatain) absorbieren grössere Mengen Wundflüssigkeit und werden bei moderat bis stark nässenden Wunden eingesetzt: Verbrennungen 2. Grades, postoperative Wunden, chronische Ulzera. Die silikonbeschichteten Varianten (Mepilex Border) haften atraumatisch – beim Wechsel reisst die neue Granulation nicht ab. Das ist gerade bei Senioren mit dünner Haut entscheidend.

Alginat und Hydrofaser: tiefer und nass

Calciumalginat-Auflagen (Kaltostat, Sorbalgon) und Hydrofaser (Aquacel) sind hochabsorbierend und werden in tiefe, stark exsudierende Wunden gepackt. Sie wirken zudem leicht hämostatisch – nützlich nach Probeexzisionen oder bei oberflächlich blutenden Wunden. Apotheken geben diese Produkte häufig im Rahmen einer ärztlichen Verordnung ab, da der Wundgrund vorher beurteilt werden muss.

Silber, Honig, PHMB: antimikrobielle Optionen

Bei klinischen Infektionszeichen (Rötung, Wärme, Druckdolenz, eitrige Sekretion, Geruch) kommen antimikrobielle Auflagen ins Spiel: silberhaltige Verbände (Aquacel Ag+, Mepilex Ag), medizinischer Honig (L-Mesitran, Medihoney) oder PHMB (Suprasorb X+PHMB). Sie ersetzen keine systemische Antibiotika-Therapie, sondern reduzieren die mikrobielle Last lokal. Maximale Anwendungsdauer: 2 Wochen, danach Re-Evaluation.

Verbrennungen: das richtige Schema

Eine Verbrennung 1. Grades (Sonnenbrand, Rötung ohne Blase) kühlt man kurz und behandelt mit feuchtigkeitsspendenden Gels (Aloe vera, Bepanthen). 2. Grades (Blase) verlangt eine sterile Auflage – Mepilex Lite oder Burn-Gel-Pflaster sind die Standards der Apotheke. 3. Grades (weisses, lederartiges Gewebe, schmerzlos) ist immer ein Notfall – sofort Hausarzt oder 144.

Alarmzeichen für den ärztlichen Verweis

In der Apothekenberatung ist die Triage entscheidend. Sofort zum Arzt schicken bei:

  • Tiefen oder klaffenden Wunden (Naht nötig innert 6–8 Stunden)
  • Bisswunden (Mensch, Hund, Katze – hohes Infektionsrisiko)
  • Wunden über Gelenken oder im Gesicht (funktionell/kosmetisch sensibel)
  • Diabetiker mit Fusswunde – auch wenn klein, immer Risiko
  • Fehlender Tetanus-Schutz (letzte Auffrischung >10 Jahre)
  • Chronische Wunden ohne Heilung nach 4 Wochen

Letztere fallen oft unter venöse oder arterielle Ulzera und gehören in eine spezialisierte Wundambulanz – in der Schweiz etwa über die Kompetenzzentren der Universitätsspitäler oder freipraktizierende Wundexpertinnen SAfW.

Was zahlt die OKP?

Wundauflagen sind in der Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) geregelt und werden bei medizinischer Indikation und ärztlicher Verordnung von der Grundversicherung erstattet. Selbstbezug ohne Verordnung läuft über den freien Verkauf in der Apotheke. Für Diabetiker mit chronischen Wunden lohnt sich der schriftliche Antrag bei der Krankenkasse mit Wunddokumentation. Mehr zu MiGeL-Themen liest du in Polymedikations-Check Senioren in der Apotheke, wo es um die Koordination mehrerer Verordnungen geht.

Fazit

Moderne Wundversorgung ist mehr als ein Pflaster: feuchte Wundheilung mit Hydrokolloid, Schaum oder Alginat, antimikrobielle Auflagen bei Infektzeichen, klare Triage-Regeln für den Arztverweis. Die Schweizer Apotheke ist die niedrigschwellige Anlaufstelle für die meisten alltäglichen Wunden – und der richtige Ort, um die nächste Reiseapotheke gleich um ein Hydrokolloid-Pflaster und ein kleines Schaumpflaster zu ergänzen.

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