Finanzen

Thesaurierend vs. ausschüttend: ETFs in der CH

Wer ein zweites Standbein mit ETFs aufbaut, stösst früher oder später auf zwei Buchstaben im Fondsnamen: «Acc» oder «Dist». Die einen Fonds legen die Erträge automatisch wieder an (thesaurierend), die anderen schütten sie regelmässig aufs Konto aus. In vielen deutschen Ratgebern wird daraus eine grosse Steuerfrage gemacht. Für Schweizer Anleger sieht die Rechnung überraschend anders aus – und genau dieser Unterschied entscheidet, welche Variante zu Ihrem Ziel passt.

Der Unterschied im Alltag

Eine ausschüttende Anteilsklasse überweist Dividenden und Zinsen periodisch – quartalsweise, halbjährlich oder jährlich – direkt auf Ihr Verrechnungskonto. Das ist echter Cashflow zum Anfassen: Geld, das Sie ausgeben, umschichten oder gezielt reinvestieren können. Wer aus dem Depot ein monatliches oder jährliches Zusatzeinkommen ziehen will, greift naheliegenderweise zu dieser Variante.

Die thesaurierende Klasse dagegen behält die Erträge im Fonds und kauft davon automatisch neue Anteile. Sie sehen keine Zahlung, dafür wächst der Anteilswert schneller. Das ist der Zinseszins in Reinform: Erträge erwirtschaften wieder Erträge, ganz ohne dass Sie eine Order aufgeben oder erneut Courtage zahlen. Für die lange Ansparphase, in der Sie noch nichts entnehmen wollen, ist das bequem und effizient.

Warum die Steuer in der Schweiz kaum entscheidet

Jetzt kommt der Punkt, an dem sich die Schweiz klar von Deutschland unterscheidet. Hierzulande gilt: Fondserträge sind einkommenssteuerpflichtig – unabhängig davon, ob sie ausgeschüttet oder thesauriert werden. Die Steuerverwaltung besteuert also auch die einbehaltenen, wieder angelegten Erträge eines thesaurierenden Fonds, so als hätten Sie sie erhalten.

Konkret meldet die eidgenössische Steuerverwaltung im Kursausweis für die meisten kotierten Fonds den steuerbaren Ertrag pro Anteil. Diesen Wert tragen Sie in die Steuererklärung ein, egal ob das Geld auf Ihrem Konto gelandet ist oder im Fonds steckt. Der oft gehörte Steuerstundungs-Vorteil thesaurierender Fonds existiert in der Schweiz schlicht nicht. Wer «Acc» kauft, um Steuern aufzuschieben, spart nichts – er verschiebt nur die Liquidität, nicht die Steuerlast.

Zwei Nebenaspekte bleiben relevant. Erstens die Verrechnungssteuer: Schüttet ein Fonds mit Schweizer Domizil aus, werden 35 Prozent einbehalten, die Sie über die Steuererklärung zurückholen. Bei ausländischen Fonds greift dieser Mechanismus nicht direkt, dafür stellt sich die Frage der Quellensteuer im Fondsland. Zweitens der Kapitalgewinn: Reine Kursgewinne sind für Privatanleger in der Schweiz steuerfrei – und dieser Teil des Wertzuwachses bleibt es bei beiden Varianten.

Wie ein breit gestreutes Dividenden-Depot als Einkommensquelle überhaupt aufgebaut wird, zeigt der Beitrag Passives Einkommen mit Dividenden-ETFs – die Wahl der Anteilsklasse ist dann nur noch die Feinjustierung.

Welche Variante zu welchem Ziel passt

Wenn der Steuervorteil wegfällt, wird die Entscheidung erfreulich einfach: Es geht nur noch um Ihr Ziel und um Komfort.

Sind Sie in der Ansparphase und wollen den Zinseszins ungestört laufen lassen, ist thesaurierend praktisch. Sie sparen sich die manuelle Wiederanlage kleiner Ausschüttungsbeträge, bei denen sonst Mindestcourtagen unverhältnismässig ins Gewicht fallen. Alles läuft automatisch, das Depot bleibt aufgeräumt.

Wollen Sie dagegen einen laufenden Einkommensstrom – etwa als Ergänzung zum Lohn, in der Teilpensionierung oder als «Gehalt aus dem Depot» –, ist die ausschüttende Klasse die ehrlichere Wahl. Sie sehen schwarz auf weiss, was Ihr Kapital abwirft, und müssen keine Anteile verkaufen, um an Cash zu kommen. Das diszipliniert und macht den Cashflow sichtbar. Ein psychologischer Nebeneffekt, den viele unterschätzen: Wer die Ausschüttung physisch aufs Konto bekommt, bleibt in turbulenten Börsenphasen ruhiger, weil der Ertrag unabhängig vom Kurs weiterfliesst.

Ein Zwischenweg ist ebenfalls legitim: In der Ansparphase thesaurierend anlegen und erst zum Ruhestand in eine ausschüttende Variante desselben Index umschichten. Prüfen Sie dabei aber die Transaktionskosten und einen möglichen steuerbaren Ertrag im Umschichtungsjahr.

Fazit

In der Schweiz ist die Wahl zwischen thesaurierend und ausschüttend kein Steuertrick, sondern eine reine Frage von Ziel und Bequemlichkeit. Beide Varianten werden gleich besteuert – Sie entscheiden also frei nach Ihrem Bedarf: Zinseszins-Automatik für die Ansparphase, echter Cashflow für die Entnahmephase.

Ihr nächster Schritt: Schauen Sie im Namen Ihrer bestehenden ETFs nach dem Kürzel «Acc» oder «Dist» und fragen Sie sich ehrlich, ob die Variante zu Ihrer aktuellen Lebensphase passt. Wer heute anspart und in zehn Jahren entnehmen will, kann die Anteilsklasse bewusst als Werkzeug einsetzen – statt sie dem Zufall des ersten Kaufs zu überlassen.

Blog: https://www.coremind.ch/wordpress/ · Autor: Mike Neuburger

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