Finanzen

Rentenlücke berechnen: So gross ist Ihre Lücke

Die meisten Schweizerinnen und Schweizer wissen ungefähr, was sie verdienen. Aber kaum jemand kann sagen, wie viel Geld er im Ruhestand zur Verfügung haben wird – und ob das reicht. Dabei lässt sich diese Frage mit ein paar Zahlen erstaunlich konkret beantworten. Wer die eigene Rentenlücke einmal ausgerechnet hat, trifft Vorsorgeentscheide nicht mehr aus dem Bauch, sondern auf Basis einer Zahl. Und diese Zahl ist für viele ein heilsamer Schreck.

Warum 60 Prozent oft nicht reichen

Das Schweizer Vorsorgesystem ruht auf drei Säulen, doch die ersten beiden – AHV und Pensionskasse – sind nicht dafür gebaut, Ihren gewohnten Lebensstandard vollständig zu halten. Als Faustregel gilt: Zusammen decken AHV und Pensionskasse rund 50 bis 60 Prozent Ihres letzten Lohns ab. Das ist die Ersatzquote.

Demgegenüber steht der tatsächliche Bedarf. Fachleute gehen davon aus, dass Sie im Ruhestand etwa 80 Prozent Ihres letzten Einkommens benötigen, um Ihren Lebensstandard zu halten. Die Wohnung kostet weiterhin, die Krankenkasse wird eher teurer, viele Steuerabzüge fallen weg, und plötzlich ist mehr Zeit für Reisen und Hobbys da, die ebenfalls ins Budget wollen. Zwischen den 60 Prozent, die hereinkommen, und den 80 Prozent, die Sie brauchen, klafft eine Lücke von rund 20 bis 30 Prozent Ihres Einkommens. Genau das ist Ihre Rentenlücke – und sie trifft Gutverdienende prozentual oft härter, weil die AHV nach oben gedeckelt ist.

Die Rechnung in drei Schritten

Sie brauchen kein Finanzstudium, um Ihre Lücke zu schätzen. Schritt eins: Ermitteln Sie Ihre voraussichtlichen Jahresrenten. Die AHV-Maximalrente für eine Einzelperson liegt 2026 bei rund 30’000 Franken pro Jahr; Ihren individuellen Wert sehen Sie auf dem Auszug der Ausgleichskasse. Die Rente der Pensionskasse steht auf Ihrem PK-Ausweis – achten Sie auf das voraussichtliche Altersguthaben und den Umwandlungssatz.

Schritt zwei: Rechnen Sie Ihren Bedarf aus. Nehmen Sie 80 Prozent Ihres heutigen Bruttoeinkommens als groben Richtwert. Schritt drei: Ziehen Sie die Summe der beiden Renten vom Bedarf ab. Die Differenz ist Ihre jährliche Lücke. Ein Beispiel: Verdienen Sie 100’000 Franken, brauchen Sie rund 80’000. Kommen aus AHV und PK zusammen 55’000, fehlen Ihnen 25’000 Franken – jedes Jahr.

Um die Gesamtlücke über den ganzen Ruhestand zu schätzen, multiplizieren Sie diesen Jahresbetrag mit etwa 20. Diese Zahl ergibt sich aus einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 85 Jahren bei Pensionierung mit 65. Aus 25’000 Franken pro Jahr werden so eine halbe Million, die Sie über die dritte Säule und privates Vermögen aufbauen müssten. Diese Grössenordnung macht klar, warum frühes Handeln so viel ausmacht.

Was die Rechnung verzerrt – und was hilft

Drei Faktoren verändern Ihre Lücke spürbar. Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüche drücken das Pensionskassenguthaben überproportional, weil der Koordinationsabzug einen festen Betrag vom versicherten Lohn abzieht. Beitragslücken in der AHV – etwa durch Auslandaufenthalte – kürzen die Rente dauerhaft. Und eine Frühpensionierung verschärft alles, weil Sie früher beziehen und länger zehren.

Die gute Nachricht: Die Lücke ist beeinflussbar. Die Säule 3a ist das naheliegendste Werkzeug, weil sie steuerlich gefördert wird und langfristig vom Zinseszins profitiert. Wer über freies Vermögen verfügt, kann zusätzlich freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse prüfen – sie schliessen Beitragslücken und senken im Einzahlungsjahr die Steuerlast. Wie sich solche Einkäufe steuerlich klug staffeln lassen, zeigt der Beitrag zum Pensionskasse-Einkauf im Detail. Wichtig: Diese Zeilen sind keine Anlageberatung, sondern eine Anleitung zum Selberrechnen.

Fazit: Erst messen, dann handeln

Eine Rentenlücke ist kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund, genau hinzuschauen. Der Unterschied zwischen einem entspannten und einem knappen Ruhestand entscheidet sich oft Jahrzehnte vorher – und beginnt mit der schlichten Frage, wie gross die Lücke überhaupt ist. Wer sie kennt, kann sie planvoll schliessen, statt sie zu verdrängen.

Ihr nächster Schritt: Holen Sie diese Woche zwei Dokumente hervor – Ihren letzten Pensionskassenausweis und den Kontoauszug Ihrer Ausgleichskasse. Rechnen Sie die beiden Jahresrenten zusammen, vergleichen Sie sie mit 80 Prozent Ihres Lohns, und Sie haben Ihre persönliche Lücke schwarz auf weiss. Erst diese Zahl macht aus «ich sollte mal vorsorgen» einen konkreten Plan.

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