PIR-Sensoren waren lange das Arbeitspferd jeder Heimautomation. Sie sind günstig, batteriebetrieben und reagieren auf Bewegung. Sobald jemand still am Schreibtisch sitzt, schaltet aber das Licht aus – und alle Bewohner fluchen über die Smarthome-Romantik. Genau hier setzen mmWave-Radarsensoren an. Sie messen winzigste Brustbewegungen und erkennen Anwesenheit auch bei lesendem, schlafendem oder telefonierendem Menschen. In meinem Heimaufbau ersetze ich gerade die letzten PIR-Sensoren durch den Tuya TS0601 – konkret die Variante _TZE200_kb5noeto. Hier sind die Erkenntnisse aus drei Monaten Produktivbetrieb.
Problem: PIR ist blind, sobald du still sitzt
Klassische PIR-Sensoren reagieren auf Wärmeunterschiede, die sich relativ zum Hintergrund bewegen. Wer am Schreibtisch eine Excel-Tabelle anstarrt, erzeugt keine messbare Bewegung mehr. Ergebnis: Die Bewegungsmelder-Automation schaltet nach zwei Minuten das Licht aus. Lösung der meisten Bastler: Timeout auf zehn Minuten, dann fünfzehn, dann irgendwann der Wechsel zum Always-on-Schalter.
Ein mmWave-Sensor wie der TS0601 funktioniert anders. Er sendet ein 24-GHz-Radarsignal aus und misst, welche Reflexionen sich zwischen den Messzyklen verändern. Eine ruhig atmende Person verändert die Reflexionen alle vier Sekunden ein bisschen – das reicht. Damit unterscheidet sich Anwesenheit (occupancy) klar von Bewegung (motion), und das Licht bleibt an, solange jemand im Raum ist.
In meinem Aufbau liefern zwei Entitäten die kombinierte Information:
binary_sensor.tze200_kb5noeto_ts0601– Radar (mmWave), reagiert auf kleinste Bewegungenbinary_sensor.tze200_kb5noeto_ts0601_belegung– Belegung (PIR), nutzt den zusätzlichen Infrarotkanal des Geräts
Schritt 1: Einbinden über ZHA mit Quirk
Der TS0601 ist in der Standard-ZHA-Bibliothek noch nicht vollständig unterstützt. Beim Pairing zeigt sich oft nur ein einziges Cluster, die Sensitivitätsoptionen fehlen. Die Lösung heisst Custom Quirk. Legen Sie unter /config/custom_zha_quirks/ eine Datei ts0601_mmwave.py an und übernehmen Sie den Quirk aus dem GitHub-Issue zigpy/zha-device-handlers#2950. Anschliessend:
# configuration.yaml
zha:
custom_quirks_path: /config/custom_zha_quirks/
Nach einem Neustart von Home Assistant erscheinen die zusätzlichen Konfigurations-Entitäten: Empfindlichkeit, Mindestdistanz, Haltezeit. Bei mir hat sich folgende Einstellung als robust erwiesen:
# Sensitivität 7 von 10 – nicht zu zappelig
# Erkennungsdistanz: 3.5 m
# Haltezeit: 30 s (nicht null, sonst flackert das Signal)
Schritt 2: Anwesenheit korrekt entprellen
Auch ein guter Radarsensor produziert kurze Aussetzer, etwa wenn die Person hinter eine Trennwand greift. Dafür entprellen wir das Signal mit einer Template-Binary-Sensor-Logik. Diese hält die Belegung weitere 90 Sekunden, falls der Radar kurz auf «off» springt:
template:
- binary_sensor:
- name: "Büro belegt"
unique_id: buro_belegt
delay_off:
seconds: 90
state: >
{{ is_state('binary_sensor.tze200_kb5noeto_ts0601', 'on')
or is_state('binary_sensor.tze200_kb5noeto_ts0601_belegung', 'on') }}
Der Effekt ist drastisch: Während das reine Radarsignal in einer typischen Bürostunde 15- bis 20-mal kurz wackelt, kennt der entprellte Sensor nur noch einen sauberen on-Zustand. Automationen für Licht, Heizung oder Audio greifen damit zuverlässig und ohne Flackerphasen.
Schritt 3: Praktische Nutzung im Alltag
Im Büro nutze ich den entprellten Sensor für drei Dinge. Erstens steuert er die Entfeuchter-Logik, die wir früher schon einmal aufgesetzt haben – das Gerät läuft nur noch, wenn jemand wirklich im Raum ist. Zweitens setzt er das Spotify-Profil meiner Office-Lautsprecher aktiv, sobald Anwesenheit erkannt wird. Drittens triggert er die Schreibtischbeleuchtung über Hue:
automation:
- alias: "Büro Licht bei Anwesenheit"
trigger:
- platform: state
entity_id: binary_sensor.buro_belegt
to: "on"
condition:
- condition: numeric_state
entity_id: sensor.weather_station_buro_helligkeit
below: 300
action:
- service: light.turn_on
target:
entity_id: light.hue_white_lamp_1
data:
brightness_pct: 85
transition: 2
Mit dem Helligkeitssensor als Bedingung springt das Licht nur an, wenn es wirklich zu dunkel ist – sonst bleibt es aus, auch wenn jemand reinkommt.
Fazit: ein kleiner Sensor mit grosser Wirkung
Der TS0601 kostet rund 25 Franken, ist Zigbee-basiert und damit netzwerkfreundlich, und liefert eine Anwesenheitserkennung, an die ein PIR nicht herankommt. Wer einen einzigen Sensor tauschen will, beginnt im Büro oder im Wohnzimmer – dort, wo Menschen am längsten ruhig sitzen. Mit dem Custom Quirk, einer sauberen Entprellung und einem zusätzlichen Helligkeitssensor entsteht so eine Automation, die genau das tut, was sie soll: Licht an, wenn jemand da ist – und aus, sobald wirklich niemand mehr im Raum ist. Nicht früher, nicht später.
Im nächsten Schritt schaue ich, wie sich mehrere mmWave-Sensoren zu einer raumübergreifenden Anwesenheitskarte zusammenführen lassen – dann sieht Home Assistant nicht nur «irgendwo ist jemand», sondern «in welchem Raum genau».