Apotheke

Lieferengpässe in Schweizer Apotheken 2026

Wer in den letzten Monaten in einer Schweizer Apotheke war, hat das Phänomen vermutlich selbst erlebt: Das gewohnte Schmerzmittel ist nicht lieferbar, der Diabetes-Wirkstoff ist auf Wartelisten gesetzt, das Antibiotikum wurde durch eine kleinere Packung ersetzt. Lieferengpässe sind in der Schweizer Arzneimittelversorgung kein Ausnahmezustand mehr, sondern Normalfall. Die Meldestelle des Bundes verzeichnete Anfang 2026 erneut über 250 versorgungsrelevante Wirkstoffe mit Engpasshinweis – ein Spitzenwert seit Beginn der Statistik 2016. Für Apothekenkundinnen und -kunden lohnt es sich, die Mechanik dahinter zu verstehen.

Warum die Versorgung so anfällig geworden ist

Die Ursachen sind strukturell und nicht durch einen einzelnen Ausfall erklärbar. Der weltweit grösste Teil der Wirkstoff-Vorprodukte (Active Pharmaceutical Ingredients, API) wird heute in China und Indien produziert – häufig nur in einer oder zwei Fabriken pro Substanz. Fällt eine Anlage aus, ist sofort die globale Lieferkette betroffen. Dazu kommen die Preisdynamiken: In der Schweiz sind viele Generika über zehn Jahre lang nicht im Preis angepasst worden. Wenn Hersteller bei steigenden Rohstoffkosten ihre Marge nicht mehr halten können, ziehen sie sich aus dem Schweizer Markt zurück. Übrig bleiben wenige Anbieter, deren Ausfall sofort spürbar wird.

Hinzu kommt eine politische Komponente. Die Schweiz hat als Kleinmarkt mit nur 8,9 Millionen Einwohnern eine geringere Priorität in der Allokation als die EU oder die USA. Während EU-Mitgliedstaaten von Brüssel aus eine koordinierte Beschaffung organisieren können, ist die Schweiz auf bilaterale Gespräche und Einzelausnahmen angewiesen.

Wie Apotheken aktuell reagieren

Apothekerinnen und Apotheker haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Werkzeugen aufgebaut, um Engpässe abzufedern. Die wichtigste Massnahme ist die Substitution durch Generika: Wer in der Schweiz vom Arzt ein Originalpräparat verschrieben bekommt, kann in der Apotheke fast immer ein günstigeres Generikum mit demselben Wirkstoff erhalten – sofern verfügbar. Dieses Recht ist seit 2001 gesetzlich verankert und seit der Anpassung des KVG 2024 noch breiter nutzbar.

Eine zweite Lösung ist die Magistralrezeptur, also die Eigenherstellung in der Apotheke selbst. Bei einfachen Wirkstoffen wie Codein, Paracetamol oder bestimmten Hormonpräparaten können Apotheken auf Rezept in eigenen Laboren herstellen. Das ist aufwendig, teurer und nur bei genau definierten Indikationen sinnvoll, kann aber Versorgungslücken überbrücken.

Drittens importiert das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) bei kritischen Engpässen Arzneimittel direkt aus dem Ausland – meist Frankreich oder Deutschland. Diese Importpackungen sind anders beschriftet, enthalten oft englische Beipackzettel und sind in der Apotheke speziell gekennzeichnet. Die Krankenkasse übernimmt diese Spezialimporte in der Regel zu den hiesigen Tarifen.

Was Patienten tun können

Wer regelmässig auf bestimmte Medikamente angewiesen ist – etwa bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Schilddrüsenunterfunktion – sollte mit der Stammapotheke einen kleinen Vorrat absprechen. Eine Reserve von zwei bis vier Wochen ist nicht horten, sondern vorsichtige Planung. Wichtig dabei: Verfallsdaten kontrollieren und ältere Packungen zuerst verwenden.

Ein zweiter Tipp ist die frühzeitige Folgerezept-Anforderung. Wer das Folgerezept rechtzeitig in der Apotheke abgibt – idealerweise zwei Wochen vor dem Auslaufen der aktuellen Packung – gibt der Apotheke Zeit, eventuelle Engpässe abzufedern, Alternativen vorzuschlagen oder bei Bedarf eine Magistralrezeptur vorzubereiten.

Drittens lohnt es sich, das offizielle Engpass-Register des Bundes (www.drugshortage.ch) als Lesezeichen zu speichern. Dort sind aktuelle Engpässe nach Wirkstoff und voraussichtlicher Wiederverfügbarkeit aufgelistet. Wer ein Medikament dort eintragen sieht, kann mit der Hausarztpraxis frühzeitig über Alternativen sprechen, bevor der akute Mangel eintritt.

Schliesslich: Hamstern hilft niemandem. Wenn einzelne Patienten Vorräte für sechs Monate horten, verschlimmern sie den Engpass für alle anderen. Eine sinnvolle Reserve ist das, was die Apothekerin ausdrücklich als zulässig bezeichnet – nicht mehr.

Wohin die Entwicklung führt

Auf politischer Ebene wird seit längerem an einer Reform des Versorgungssystems gearbeitet. Der Bundesrat hat 2025 die Schaffung einer Pflicht-Reservehaltung für rund 100 Wirkstoffe beschlossen, die Umsetzung soll bis 2027 erfolgen. Parallel diskutiert das Parlament über differenzierte Preise für lebensnotwendige Generika, um die Hersteller zum Markt-Verbleib zu bewegen. Auch eine teilweise Rückverlagerung der Wirkstoffproduktion in die Schweiz oder die EU ist in der Diskussion – wirtschaftlich allerdings anspruchsvoll.

Bis solche Strukturreformen greifen, bleiben Apotheken und Patienten Partner einer pragmatischen Lösung. Wer den Apotheker oder die Apothekerin als beratende Fachperson nutzt und nicht nur als Verkaufsstelle, profitiert vom gesammelten Wissen über alternative Präparate und Bezugswege – und die erweiterten Beratungsleistungen wie Impfungen in der Apotheke zeigen, dass Apotheken zunehmend zur ersten Anlaufstelle für Gesundheitsfragen werden.

Fazit

Lieferengpässe werden auch 2026 ein Dauerthema bleiben. Wer chronisch Medikamente braucht, sollte die Beziehung zur Stammapotheke aktiv pflegen, Rezepte frühzeitig erneuern und über einen massvollen persönlichen Vorrat verfügen. Die Apotheke selbst hat mit Substitution, Magistralrezeptur und Spezialimporten mehr Spielraum, als viele vermuten – die Lösungen müssen aber rechtzeitig besprochen werden. Ein kurzer, planbarer Besuch ist allemal besser als die Suche nach Alternativen in der Notfall-Situation.

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