Wer in einer Schweizer Apotheke an die Theke tritt und ein chronisches Medikament abholt, hört seit Jahren die gleiche Frage: „Möchten Sie das Original oder das Generikum?“ Was nach einer kleinen Servicegeste klingt, ist in Wahrheit eine politisch und finanziell brisante Entscheidung. Die Schweiz gibt jedes Jahr mehrere Milliarden Franken für Arzneimittel aus, ein erheblicher Anteil davon entfällt auf patentgeschützte Originale, obwohl pharmakologisch gleichwertige Alternativen verfügbar wären. Mit dem Referenzpreissystem, das in der nationalen Politik seit 2024 in der Umsetzung diskutiert und ab 2026 schrittweise eingeführt wird, gewinnen Generika und Biosimilars weiter an Bedeutung. Ein Überblick, was dahintersteckt, wo gespart wird und wo Vorsicht geboten ist.
Generika sind keine Billigprodukte
Ein Generikum ist ein Arzneimittel, das nach Ablauf des Patentschutzes eines Originalpräparats von einem anderen Hersteller produziert wird. Der Wirkstoff ist identisch, die Dosierung gleich, die Bioverfügbarkeit muss in klinischen Studien nachgewiesen sein und innerhalb einer engen Bandbreite von ±20 Prozent zum Original liegen. Swissmedic prüft jedes Generikum, bevor es zugelassen wird. Hersteller wie Mepha, Sandoz, Helvepharm oder Spirig produzieren teils im selben Werk wie die Originalhersteller, teils in eigenen Anlagen.
Was tatsächlich unterscheidet: die Hilfsstoffe, der Tablettenüberzug, die Farbe, die Form. In den allermeisten Fällen haben diese Unterschiede keine medizinische Relevanz. Bei einer kleinen Patientengruppe – etwa Allergikerinnen gegen bestimmte Farbstoffe oder Patienten mit besonderen Schluckschwierigkeiten – kann ein Wechsel zwischen Original und Generikum trotzdem spürbar sein. Hier hilft ein kurzes Gespräch mit der Apothekerin.
Wo das Sparpotenzial wirklich liegt
In Zahlen: Generika kosten in der Schweiz typischerweise 20 bis 40 Prozent weniger als das Original. Im internationalen Vergleich ist das wenig – in Deutschland oder den Niederlanden sind Generika oft 70 bis 90 Prozent günstiger als das Originalprodukt. Die Schweizer Preise bewegen sich auf hohem Niveau, weil das Vergütungssystem bisher keinen scharfen Wettbewerb erzwungen hat.
Genau hier setzt das Referenzpreissystem an. Die Idee: Für eine Wirkstoffgruppe legt das Bundesamt für Gesundheit einen einheitlichen Höchsterstattungsbetrag fest. Die Krankenversicherung zahlt diesen Betrag, unabhängig davon, welches Medikament gewählt wird. Wer das teurere Original verlangt, zahlt die Differenz selbst. Studien des Bundes rechnen mit Einsparungen zwischen 300 und 500 Millionen Franken jährlich. Für Patientinnen heisst das: Ein Wechsel auf das günstigere Präparat lohnt sich finanziell stärker als bisher.
Biosimilars: Die unterschätzte Schwester
Was Generika bei klassischen chemischen Wirkstoffen sind, sind Biosimilars bei biologisch hergestellten Medikamenten. Biologika wie Adalimumab (Humira), Etanercept (Enbrel) oder Trastuzumab (Herceptin) werden in lebenden Zellen produziert und behandeln rheumatische, immunologische und onkologische Krankheiten. Nach Ablauf des Patentschutzes können andere Hersteller ähnliche, aber nicht identische Versionen entwickeln – das sind die Biosimilars.
Die Zulassung ist anspruchsvoll: Klinische Studien müssen vergleichbare Wirksamkeit und Sicherheit nachweisen. Swissmedic verlangt für Biosimilars deutlich mehr als für Generika. Wer einmal auf ein Biologikum eingestellt ist, kann meist problemlos auf ein Biosimilar wechseln, sofern das medizinisch begleitet wird. Die Kostenersparnis ist beachtlich, weil Biologika oft mehrere zehntausend Franken jährlich kosten. Ein Biosimilar kann 30 bis 50 Prozent günstiger sein – ein potenzielles Einsparen, von dem nicht nur das Gesundheitssystem profitiert, sondern auch der Franchise- und Selbstbehaltsanteil der Patientin.
In der Schweiz wurde der Anteil der Biosimilars 2024 deutlich erhöht, lag aber 2025 immer noch unter dem europäischen Durchschnitt. Mehrere Kantonsapothekervereinigungen kämpfen aktiv für eine stärkere Substitution.
Wann das Original trotzdem die bessere Wahl ist
Es gibt Konstellationen, in denen ein Wechsel zwischen Präparaten nicht ratsam ist. Dazu gehören Epilepsie-Medikamente, einige Schilddrüsenhormone wie Levothyroxin und immunsuppressive Medikamente nach Transplantationen. Hier kann schon eine kleine Abweichung im Wirkspiegel Folgen haben. Wer auf ein solches Medikament eingestellt ist, sollte ohne ärztliche Absprache nicht wechseln – auch wenn die Apotheke ein Generikum vorschlägt.
Ebenfalls Vorsicht: Bei Tabletten mit retardierter Wirkung, bei lokal angewendeten Produkten wie Salben oder Augentropfen und bei Inhalatoren gibt es technische Unterschiede, die spürbar sein können. Inhalatoren etwa haben unterschiedliche Sprühcharakteristiken, was das Anwenden umlernen erfordert. Apothekerinnen sind geschult, in solchen Fällen proaktiv das Gespräch zu suchen.
Wie man im Alltag bewusst spart
Drei einfache Schritte für Patientinnen und Patienten. Erstens: Beim nächsten Rezept fragen, ob ein Generikum oder Biosimilar verfügbar ist. Apothekerinnen dürfen seit Jahren substituieren, sofern der Arzt nicht explizit „sic“ oder „sine substitutione“ vermerkt hat. Zweitens: Bei chronischer Medikation einmal jährlich überprüfen, ob das aktuelle Präparat noch die günstigste Option ist – Preisänderungen sind häufig. Drittens: Bei Biologika das Gespräch mit der behandelnden Spezialärztin suchen. Ein Wechsel ist meist möglich, braucht aber medizinische Begleitung.
Wer mehr über die preisliche Einordnung der Schweiz im Vergleich verstehen will, findet eine Vertiefung im Überblick zu Medikamentenpreisen Schweiz vs. Ausland. Dort wird auch erklärt, warum identische Wirkstoffe in der Schweiz oft deutlich teurer sind als in Deutschland oder Frankreich.
Fazit
Generika und Biosimilars sind in der Schweiz seit Jahren verfügbar, werden aber zu wenig genutzt. Das Referenzpreissystem ab 2026 wird das ändern und die Wahl bewusster machen – mit Sparpotenzial, das im Einzelfall mehrere hundert bis mehrere tausend Franken pro Jahr ausmacht. Wer die Substitution gemeinsam mit Hausärztin und Apotheke prüft, gewinnt finanziell, ohne medizinisch Risiken einzugehen. Vertrauen entsteht durch Information, nicht durch das Festhalten am bekannten Etikett.