Apotheke

Halsschmerzen: Triage und Therapie in der Apotheke

Halsschmerzen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen in der Schweizer Apotheke. Über 90 Prozent aller Fälle sind viral und heilen innerhalb von einer Woche von selbst. Das eigentliche Beratungsproblem ist nicht die Therapie, sondern die Triage: Welche fünf Prozent sollten zur Ärztin geschickt werden, weil eine bakterielle Streptokokken-Infektion vorliegt – mit Risiko für rheumatisches Fieber oder Glomerulonephritis? Mit dem strukturierten Centor- bzw. McIsaac-Score, einem Schnelltest und einem klaren Therapie-Stufenplan ist die Apotheke auch hier eine gute erste Anlaufstelle.

Die Triage am HV: Centor-Score in zwei Minuten

Der Centor-Score klassifiziert die Wahrscheinlichkeit einer Streptokokken-Pharyngitis. Vier Kriterien à 1 Punkt: Fieber über 38 °C in der Anamnese, fehlender Husten, geschwollene und druckdolente Halslymphknoten vorne, weisslich-eitrige Tonsillen-Beläge. Mit dem McIsaac-Modifier kommt ein Alterspunkt dazu (3 bis 14 Jahre +1, über 45 Jahre –1). Bei 0 bis 1 Punkten liegt die Streptokokken-Wahrscheinlichkeit unter 10 Prozent – Selbstmedikation. Ab 3 Punkten steigt sie auf 30 bis 50 Prozent – netCare-Schnelltest oder Verweis. Bei 4 Punkten und stark reduziertem Allgemeinzustand direkt zur Hausärztin.

Viele Schweizer Apotheken bieten den GAS-Schnelltest (Group A Streptococcus) als netCare-Leistung an: Rachenabstrich, Ergebnis in 5 bis 10 Minuten, bei positivem Test Antibiotika-Abgabe nach Triage-Protokoll – meist Penicillin V oder Amoxicillin. Bei negativem Schnelltest und passender Klinik bleibt es bei symptomatischer Therapie.

Lutschtabletten: was wirkt, was wirkt nicht

Die wichtigste Wirkstoffgruppe sind Lokalanästhetika. Lidocain in Neo-Angin Lido, Benzocain in Mebucaine, Ambroxol in Lysoflam – alle drei betäuben die Schleimhaut 30 bis 60 Minuten. Wirkungseintritt nach 2 bis 5 Minuten. Bei Kindern unter 6 Jahren wegen Aspirationsrisiko nicht empfohlen – hier eher zuckerfreie Lutschpastillen ohne Wirkstoff.

Lutschtabletten mit Antiseptika (Chlorhexidin in Mebucaine, Hexetidin in Drossadin) reduzieren die Keimzahl im Mund, klinisch ist der Nutzen aber gering – die meisten Halsschmerzen sind viral. Empfehlung: Lokalanästhetikum bei Schmerz, Antiseptikum als Add-on nur bei klar entzündlichem Befund.

Flurbiprofen in Strepfen 8.75 mg ist die effektivste OTC-Option bei stärkeren Schmerzen – ein NSAR als Lutschtablette, das lokal und leicht systemisch wirkt. Maximal 5 Tabletten pro Tag, nicht bei NSAR-Kontraindikation (Asthma, Magenulkus, Niereninsuffizienz). Wirkdauer 3 bis 4 Stunden.

Sprays und Gurgellösungen

Rachensprays mit Lidocain (Neo-Angin Lidocain Spray) oder Benzydamin (Tantum Verde Spray) sind die zweite Säule. Tantum Verde wirkt antiphlogistisch und analgetisch, gut verträglich, ab 6 Jahren freigegeben. 4 bis 8 Sprühstösse pro Tag.

Gurgellösungen mit Salbeiextrakt (Saliviol, Salvigol) und Kamillenfluidextrakt (Kamillosan) haben mässige Evidenz, lindern aber subjektiv gut – die Schleimhautbefeuchtung allein ist Teil des Effekts. Heisser Tee mit Honig erreicht das Gleiche kostenfrei und ist ab 1 Jahr (nicht Säuglinge wegen Botulismus-Risiko) freigegeben.

Chlorhexidin-Gurgellösungen (Plak-out, Hexoral) sind eher zahnmedizinisch eingeordnet, bei Halsschmerzen nicht erste Wahl – und Chlorhexidin verfärbt bei mehrtägiger Anwendung Zähne und Zunge braun.

Systemische Therapie: NSAR und Paracetamol

Bei generalisierten Schmerzen oder Fieber gehört ein systemisches Analgetikum dazu. Ibuprofen 400 mg alle 6 bis 8 Stunden ist erste Wahl – wirkt antiphlogistisch und antipyretisch. Paracetamol 1 g bis 4-mal täglich als Alternative bei NSAR-Kontraindikation oder als Add-on bei starken Schmerzen. Die Kombination Ibuprofen + Paracetamol (alternierend alle 3 Stunden) ist in Studien wirksamer als Mono-Therapie, bei Bedarf für 2 bis 3 Tage gangbar.

Wer mehr zur OTC-Schmerztherapie inkl. Höchstdosen und MIK-Falle wissen will, findet im Artikel zu Schmerzmitteln aus der Apotheke die Hintergründe – auch zur sicheren Selbstmedikation bei wiederkehrenden Halsschmerzen.

Alarmzeichen: wann sofort zur Ärztin

Bei einseitigem starkem Schmerz mit kloßiger Sprache und Schluckstörung an einen Peritonsillarabszess denken – Notfall, sofortige Vorstellung. Atemnot, Stridor oder starker Speichelfluss bei Kind: Verdacht auf Epiglottitis – Notfall. Fieber über 39 °C ohne Besserung nach drei Tagen Selbstmedikation, Lymphknoten massiv geschwollen und schmerzhaft, oder Hautausschlag dazu (Scharlach-Verdacht) – sofortiger Arztkontakt. Halsschmerzen länger als zwei Wochen oder rezidivierend mehr als drei Mal pro Jahr: Tonsillektomie-Indikation prüfen.

Fazit

Die strukturierte Apotheken-Beratung zu Halsschmerzen ist meist symptomatisch, lokal und systemisch kombiniert, und endet bei klaren Alarmzeichen oder positivem Streptokokken-Schnelltest beim Arzt. Drei Säulen am Lager: ein Lokalanästhetikum (Lidocain-Pastillen), ein NSAR (Strepfen 8.75 oder Ibuprofen 400) und ein Sprays-Hausmittel-Paar (Tantum Verde, Salbei-Tee). Wer den Centor-Score am HV anwendet und beim McIsaac-Score ab 3 zum netCare-Test triagiert, deckt 95 Prozent aller Fälle sicher ab.

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