Sommer- und Herbstferien starten – und mit ihnen die Hochsaison für Reisedurchfall in der Schweizer Apotheke. Rund 30 bis 60 Prozent aller Reisenden in tropische und subtropische Regionen erleben innerhalb der ersten zwei Wochen eine akute Diarrhö. Wer in der Apotheke gut beraten wird, kommt mit drei bis fünf Tagen Symptomen davon. Wer schlecht beraten wird, verbringt Tage im Hotelzimmer – oder kehrt mit einer postinfektiösen Reizdarm-Problematik zurück.
Triage am Handverkauf: drei Fragen
Bevor irgendein Produkt über die Theke geht, klärt das Apothekenteam drei Punkte:
- Reiseziel und Reiseart – Pauschalresort in Spanien, Backpacking in Indien und Inkareise in Peru tragen ein unterschiedliches Erregerprofil und unterschiedliche Risikoprofile.
- Schwere und Begleitsymptome – Fieber über 38,5 °C, blutige Stühle oder krampfartige Schmerzen sind Warnzeichen für eine invasive Bakterieninfektion (Shigella, Campylobacter) und gehören in die ärztliche Konsultation.
- Reiseapotheke und Versicherung – Wer mit Doktor oder telemedizinischer Reiseversicherung unterwegs ist, hat andere Eskalationsoptionen als ein Backpacker in Laos.
Eine moderne Reiseberatung dauert in der Apotheke gut 15 Minuten – idealerweise mindestens drei Wochen vor Abreise, weil dann auch noch Impfungen (Cholera-Impfung Dukoral mit ETEC-Schutz, Typhus, Hepatitis A) angepasst werden können.
Prävention: Probiotika und Verhalten
Die wirksamste Prävention bleibt Verhalten: «Cook it, boil it, peel it – or forget it». Trotzdem helfen Probiotika messbar. Die mit der stärksten Evidenz für Reisedurchfall-Prophylaxe ist Saccharomyces boulardii (Perenterol, Yomogi): Eine Cochrane-Metaanalyse zeigt eine relative Risikoreduktion von rund 15 Prozent bei einer NNT um 35. Klinisch relevant ist das für Hochrisiko-Reisen oder bei Personen mit empfindlichem Magen-Darm-System. Dosierung typischerweise 1 Kapsel zweimal täglich, beginnend fünf Tage vor Abreise und durch die ganze Reise hindurch.
Wichtiger Pluspunkt von S. boulardii: Es ist eine Hefe, kein Bakterium – und kann gleichzeitig mit einem Antibiotikum eingenommen werden. Lactobacillus-Stämme verlieren ihre Wirkung, sobald ein Antibiotikum eingenommen wird, weil sie selbst getroffen werden.
Für die Gesamtübersicht zu Probiotika-Stämmen im Apotheken-Beratungsalltag siehe den Beitrag zu Probiotika – Stämme, Indikationen, Beratungsfragen.
Akute Therapie: drei Stufen
In der unkomplizierten Akutphase reicht meist die Stufe 1: Rehydrierung. ORS-Beutel (orale Rehydrierungssalze) sind das wichtigste Produkt im Reise-Notfall-Kit – nicht Loperamid. Wer in Indien sieben Stuhlgänge pro Tag hat, verliert primär Wasser und Elektrolyte. Die WHO-Lösung oder Marken wie Normolytoral und Elotrans verhindern den Hauptkomplikator: Dehydratation.
Stufe 2: Loperamid (Imodium, Imodium Lingual) – ein Klassiker zur Symptomdämpfung bei wässriger Diarrhö ohne Fieber und ohne Blut. Wichtige Aufklärung: Maximal zwei Tage, maximal 16 mg pro Tag, kontraindiziert bei Fieber > 38,5 °C, bei blutigen Stühlen und bei Kindern unter zwölf. Loperamid verlangsamt die Passage – was die Beschwerden lindert, aber bei invasiven Bakterien die Erregerelimination verzögert.
Stufe 3: Antibiotikum nach netCare-Triage. Seit 2019 darf in vielen Schweizer Apotheken nach netCare-Algorithmus eine Einmaldosis Azithromycin 1000 mg für Reisedurchfall in Hochrisiko-Regionen abgegeben werden. Alternativ steht Rifaximin 200 mg dreimal täglich für drei Tage zur Verfügung – ein lokal wirkendes Antibiotikum mit sehr geringer Systemresorption, das in Studien die Krankheitsdauer von 60 auf 30 Stunden halbiert. Für Reisen nach Südostasien ist Azithromycin Standard, weil dort hohe Fluorchinolon-Resistenzen bei Campylobacter dokumentiert sind.
Was ins Reise-Notfall-Set gehört
Eine sinnvolle Apotheken-Empfehlung für eine Drei-Wochen-Reise:
- Drei Beutel ORS pro Reisetag in Hochrisiko-Regionen, ein Beutel pro Reisetag sonst.
- Eine Packung Loperamid (10–20 Kapseln).
- Eine Packung Saccharomyces boulardii (10–20 Kapseln).
- Bei netCare-Beratung: eine Einmaldosis Azithromycin 1 g als Reserveantibiotikum.
- Stockingt: Paracetamol oder Ibuprofen für die häufig begleitenden Kopfschmerzen und Krämpfe.
Nicht ins Set gehören klassische Lactobacillus-Pulver («Probiotika allgemein») ohne nachweis-spezifische Indikation – die Evidenz für Reisedurchfall ist dort schwach.
Nach der Reise: postinfektiöse Reizdarmsymptome
Etwa 10 Prozent aller Reisedurchfall-Episoden hinterlassen einen postinfektiösen Reizdarm – ein wichtiger Beratungsanker für Wiederkehrende. Wer sechs Wochen nach Rückkehr noch Blähungen, wechselnde Stühle und diffuse Bauchschmerzen hat, gehört nicht nochmals an die Loperamid-Box, sondern zur Stuhldiagnostik (Calprotectin, Lamblien) und allenfalls in eine FODMAP-Beratung.
Fazit
Reisedurchfall ist mit guter Beratung gut beherrschbar. Die Kernbotschaft der Schweizer Apotheke 2026: Erst Rehydrierung, dann Loperamid bei unkomplizierter Symptomatik, und nur bei Risikoreisen plus klaren Warnzeichen das netCare-Antibiotikum. Saccharomyces boulardii ist das einzige Probiotikum mit ausreichender Evidenz für die Prävention – und das einzige, das parallel zur Antibiotikatherapie eingenommen werden kann.
Konkreter nächster Schritt für Reisende: Drei Wochen vor Abreise in die Apotheke gehen, ein individuelles Notfall-Set zusammenstellen lassen und Reiseziel sowie Vorerkrankungen offen besprechen.