Die typische Erkältung dauert sieben Tage – mit Behandlung eine Woche. So lautet der alte Apothekerwitz, und er enthält viel Wahrheit. Trotzdem zählt der gut sortierte Erkältungstisch in jeder Schweizer Apotheke zu den umsatzstärksten Beratungsecken. 2026 liegen die Daten klarer vor als noch vor wenigen Jahren: Manches wirkt, vieles ist Placebo plus Komfort, und einige Klassiker gehören kritisch hinterfragt.
Pflanzliche Wirkstoffe mit Evidenz
Pelargonium sidoides (EPs 7630, in der Schweiz als Kaloba erhältlich) ist eines der wenigen Phytotherapeutika mit konsistenter Studienevidenz. Eine pragmatische randomisierte Studie der Universität Freiburg untersucht aktuell die Wirksamkeit bei akuter Bronchitis in der Romandie; ältere Cochrane-Auswertungen zeigen eine Verkürzung der Krankheitsdauer bei akuter Bronchitis um etwa zwei Tage und eine relevante Symptombesserung ab Tag 3. Pelargonium wirkt antibakteriell, antiviral und mild sekretolytisch und ist ab dem ersten Lebensjahr zugelassen (Sirup).
Efeu-Extrakt (Prospan) und Thymian-Primel (Bronchipret) gelten als gut verträgliche Sekretolytika – die Evidenz ist solider als bei vielen synthetischen Alternativen, der Effekt klinisch moderat. Beide werden von Schweizer Ärzten regelmässig auch für Kinder empfohlen.
Echinacea dagegen hat enttäuschende neuere Daten: Die Cochrane-Übersicht 2024 findet bestenfalls einen kleinen, klinisch fraglichen Präventionseffekt. In der Apothekenberatung ist es vertretbar, Echinacea-Wunschkunden zu bestätigen, ohne aktiv aufzudrängen.
Zink, Vitamin C, Vitamin D – die Mineralstoff-Triade
Zink wirkt nur in Dosierungen ab 75 mg pro Tag, eingenommen in den ersten 24 Stunden nach Symptombeginn. Eine Cochrane-Analyse aus 2024 zeigt damit eine durchschnittliche Verkürzung der Erkältung um zwei Tage. Wichtig in der Beratung: solche Hochdosis-Mengen sind nicht für die Langzeiteinnahme gedacht – das Risiko einer Kupfer-Verarmung steigt bei mehr als 14 Tagen 75-mg-Dosis. Lutschtabletten (Zink-Gluconat, Zink-Acetat) gelten Studienlage-konformer als Tabletten.
Vitamin C in Dosen von 1 bis 2 g täglich reduziert die Krankheitsdauer leicht (rund 8 Prozent bei Erwachsenen, etwas mehr bei Kindern), ohne die Häufigkeit von Erkältungen zu senken. Eher Komfortempfehlung als Therapie.
Vitamin D: Ein Mangel (unter 50 nmol/L) erhöht das Infektrisiko nachweislich. Wer im Winter unter 75 nmol/L liegt – in der Schweiz die Mehrheit – profitiert von einer Supplementierung. Akut gegen die laufende Erkältung ist Vitamin D aber zu langsam.
Symptomatika: was die Apotheke wirklich abgeben sollte
Schnupfen: Abschwellende Nasensprays mit Xylometazolin oder Oxymetazolin maximal 7 Tage – sonst droht der Rebound-Effekt (Rhinitis medicamentosa). Salzwasser-Nasensprays (Sinomarin, Emser) sind unbegrenzt einsetzbar und für Kinder erste Wahl.
Husten: Sekretolytika tagsüber (Pelargonium, Efeu, ACC), Hustenstiller wie Dextromethorphan (Bexin) oder Codein-Präparate nur abends bei Reizhusten und nur kurzzeitig. Codein-haltige Präparate bei Kindern unter 12 Jahren sind in der Schweiz nicht zugelassen – ein wichtiger Beratungspunkt.
Halsschmerzen: Lokalanästhetika (Neo-Angin Benzocain, Strepsils Lidocain) und Antiseptika (Mundipur, Hexoral) sind gut studiert, aber wirken lokal-kurz. Mit ausreichender Trinkmenge oft genauso effektiv.
Fieber und Gliederschmerzen: Paracetamol bei Bedarf, Ibuprofen mit Magenschutz. Eine wichtige neuere Diskussion: NSAR wie Ibuprofen können bei viraler Infektion die Genesung leicht verzögern – die meisten Schweizer Leitlinien sehen das pragmatisch und empfehlen NSAR bei mittlerem bis starkem Fieber weiter.
Was nicht in die Apothekentüte gehört
Antibiotika bei einfacher Erkältung sind nutzlos – das Standardwissen seit 30 Jahren, aber im Beratungsalltag immer noch ein wiederkehrendes Thema. Eitriger Auswurf allein ist kein Antibiotika-Trigger. Die Schweizer netCare-Triage der Apotheke kann bei Verdacht auf bakterielle Superinfektion (Fieber über 39° länger als 3 Tage, einseitige Beschwerden, Verschlechterung nach initialer Besserung) sauber an die Hausärztin verweisen – siehe dazu auch unser Beitrag zur netCare-Triage in der Apotheke.
Mukolytika in Kombination mit Hustenstillern: Klassischer Beratungsfehler. Wer Schleim löst und gleichzeitig den Hustenreflex unterdrückt, riskiert Sekretstau – getrennt einsetzen, Sekretolytikum tagsüber, Antitussivum abends.
Fazit: weniger ist oft mehr
Eine gut beratene Erkältungstüte enthält 2026 typischerweise drei bis vier Produkte: ein Pelargonium-Sirup, eine Zink-Lutschtablette für die ersten Tage, ein Salzwasser-Nasenspray und ein Schmerzmittel bei Bedarf. Plus den klaren Hinweis: Ruhe, Tee, Trinken. Wer in der Apotheke nach «etwas Starkem» fragt, bekommt im besten Fall eine ehrliche Antwort – die Erkältung dauert sieben Tage. Aber sie lässt sich erträglicher gestalten, und vor allem: Alarmzeichen für eine Triage kennen und kommunizieren.