In den letzten zwei Jahren ist in der Schweiz eine Berufsrolle gewachsen, die früher als US-Phänomen galt: der oder die Virtual Assistant (VA). Solopreneure, Coaches, Therapeutinnen, Treuhänder und kleine Agenturen lagern administrative und digitale Aufgaben an externe Mitarbeitende aus – oft remote, oft im Teilzeit-Pensum von 20 bis 40 Prozent. Für BWL-Studierende ist das eines der besten Nebenverdienst-Modelle: kalkulierbare Stundensätze, klare Skills, sofortige Praxiserfahrung im operativen Management.
Warum das Modell gerade jetzt boomt
Drei Faktoren treiben die Nachfrage. Erstens: Solopreneurinnen in der Schweiz haben sich seit 2023 verdoppelt – Stichwort Coaching, Beratung, Kreativ-Dienstleistungen. Die meisten kommen aus ihrem Fachbereich, nicht aus dem Backoffice, und scheitern an Kalender, Buchhaltung und Tools. Zweitens: Die Honorare der etablierten Treuhänder und Sekretariatsdienste sind hoch (ab CHF 120 pro Stunde), während ein eingelesener VA bei CHF 35 bis 70 anbietet. Drittens: Tools wie Notion, Calendly, ClickUp, Stripe und HubSpot sind so zugänglich geworden, dass eine motivierte Studi sich in zwei Wochen einarbeitet.
Aktive Möglichkeiten: konkrete Aufgabenpakete
Wer als VA einsteigt, denkt nicht in Stunden, sondern in Modulen, die Kundinnen direkt einkaufen können.
Calendar & Communications: Eingangsbox triagieren, Termine koordinieren, Vorlagen-Antworten verschicken, Reisen organisieren. Typisches Paket: 8 bis 12 Stunden monatlich, CHF 600 bis 900 als Retainer.
Buchhaltung light: Belege scannen und kategorisieren in Bexio, Run my Accounts oder Klara, Mahnungen vorbereiten, MwSt-Quartal vorbereiten (das eigentliche Einreichen macht der Treuhänder). Hier zahlen Solopreneure gerne, weil sie selbst kein Talent dafür haben. CHF 35 bis 50 pro Stunde, monatliche Pakete CHF 400 bis 700.
Social Media Backend: Content planen, in Buffer oder Later einplanen, Hashtag-Recherche, Bildbearbeitung in Canva. Wer Social Media Management komplett übernimmt, ist eher Marketing-Freelancer als VA – die Grenze ist fliessend. Mehr zur Abgrenzung im Artikel «Freelance Social Media Management für Schweizer KMU».
Onboarding & Funnel-Pflege: Stripe-Produkte einrichten, Calendly-Buchungslogik bauen, Welcome-Sequenzen in MailerLite oder ActiveCampaign aufsetzen, Notion-Dashboards mit Kunden-Status. Diese Aufgaben sind besser bezahlt (CHF 60 bis 80 pro Stunde), weil sie technisches Verständnis verlangen.
Recherche-Aufträge: Wettbewerbsanalysen, Lieferantenvergleiche, Förder-Datenbanken durchgehen. Klassischer Studi-Skill, gut für unregelmässige Einnahmen zwischen den Retainern.
Passive Möglichkeiten: Templates und SOPs
Wer als VA arbeitet, baut sich automatisch ein Asset auf: standardisierte Abläufe. Die lassen sich in Notion-Templates, SOP-Bibliotheken oder Onboarding-Kits verkaufen. Eine kuratierte Sammlung «12 Notion-Templates für Coaches» auf Gumroad bringt CHF 29 bis 49 pro Verkauf – bei zehn Verkäufen monatlich ohne weiteren Aufwand ein netter Zustupf. Mehr zur Mechanik im Artikel «Notion-Templates verkaufen: Digitales Mini-Business».
Ein zweiter passiver Hebel: Affiliate-Links zu den Tools, die man ohnehin empfiehlt. Bexio, Notion Business, Stripe Atlas, MailerLite und HubSpot zahlen Provisionen zwischen CHF 10 und CHF 200 pro vermittelter Kundin. Wer einen kleinen Newsletter oder einen LinkedIn-Account mit Solopreneur-Publikum aufbaut, kann das ohne Mehraufwand monetarisieren.
Realistische Zeitplanung im 20–40-Prozent-Pensum
Vier Kundinnen mit je acht Stunden Retainer ergeben 32 Stunden pro Monat – etwa 20 Prozent Pensum. Bei einem Mischsatz von CHF 50 pro Stunde sind das CHF 1’600 monatlich, brutto. Für ein Studium mit zwei vollen Tagen pro Woche frei ist das gut machbar, ohne dass Klausuren leiden.
Wer aufstocken will, fügt einen Tag pro Woche mit projektbezogener Arbeit dazu – Setup-Aufträge, Recherchen, einmalige Funnel-Builds. Diese skalieren besser pro Stunde, sind aber unregelmässiger. Wichtig: Maximal vier feste Retainer-Kundinnen, weil sonst die Klausurenphase nicht mehr fair gegenüber den Kundinnen ist. Eine «Stillphase im Juni und Januar» offen kommunizieren ist Standard und wird akzeptiert.
Steuer- und AHV-Aspekte
Einkünfte als VA sind selbständige Nebeneinkünfte und müssen ab dem ersten Franken deklariert werden. Sobald die jährliche Nettomarge CHF 2’300 übersteigt, fallen AHV-Beiträge an – Anmeldung bei der Ausgleichskasse als Nebenerwerb. Wer als Studierender bereits eine Anstellung mit AHV-Pflicht hat, kann die Beiträge einfacher koordinieren. Eine MwSt-Pflicht entsteht erst ab CHF 100’000 Jahresumsatz – für Studi-Pensen praktisch nie relevant.
Der erste konkrete Schritt
Innerhalb einer Woche umsetzbar: drei konkrete Aufgabenpakete formulieren (zum Beispiel «Calendly + Onboarding-Mail-Sequenz: CHF 280 pauschal»), eine einseitige Notion-Seite als Mini-Website aufsetzen, in drei relevanten LinkedIn-Communities oder in einem Coaching-Newsletter ein konkretes Angebot platzieren. Die ersten zwei Kundinnen kommen meist aus dem direkten Umfeld. Danach trägt sich der VA-Status weiter – via Empfehlungen, die in dieser Nische rasend schnell laufen.