Spricht man in der Schweiz von der dritten Säule, meinen die meisten die Säule 3a – steuerbegünstigt, gebunden, gut bekannt. Doch daneben existiert ein zweiter, deutlich flexiblerer Topf: die Säule 3b, auch «freie» oder «ungebundene» Vorsorge genannt. Sie hat keinen Maximalbetrag, keine Sperrfrist, keinen Vorgabe-Auszahlungstermin – und dafür auch keine direkte Steuerersparnis. 2026 wird sie wieder häufiger diskutiert: Wer den 3a-Plafond ausgeschöpft hat oder mehr Liquidität für mittlere Lebensphasen braucht, kommt um sie kaum herum.
Was die Säule 3b überhaupt ist
Die Säule 3b ist kein definiertes Vorsorgeprodukt, sondern eine Sammelbezeichnung für alle privaten Sparformen ausserhalb der Säule 3a. Dazu gehören klassische Sparkonten, ETF-Depots, Lebensversicherungen mit gemischter Spar- und Risikokomponente, Festgelder, Edelmetalle und Liegenschaften zur Selbstnutzung. Steuerlich gilt: Einzahlungen sind nicht abziehbar, Erträge unterliegen der Einkommens- und Vermögenssteuer, Auszahlungen erfolgen ohne Sondersteuer.
Im Gegenzug bekommt die Sparerin zwei Eigenschaften, die in der Säule 3a fehlen: vollständige Verfügbarkeit zu jedem Zeitpunkt und freie Begünstigung – das Geld muss nicht in die Erbmasse fliessen, wenn es in einer Lebensversicherung mit klar benannter begünstigter Person liegt.
Wann sich Säule 3b lohnt
Es gibt vier Lebenssituationen, in denen die freie Vorsorge keinen Konkurrenten ist:
Wer Konkubinatspartner oder Patchwork-Familie absichern will, profitiert von der freien Begünstigung. Während in der Säule 3a der Konkubinatspartner nur unter strengen Bedingungen begünstigt werden darf, kennt eine Säule-3b-Lebensversicherung diese Einschränkungen nicht. Mehr zur Lage von Konkubinats-Paaren steht im Artikel Konkubinat und Vorsorge: Die unsichtbare Lücke.
Wer den Säule-3a-Plafond bereits ausschöpft und trotzdem zielgerichtet sparen will, hat in der Säule 3b den nächsten sinnvollen Topf. Beispielsweise als ETF-Depot mit klarem Vorsorge-Mandat: dieselbe Strategie wie ein 3a-Depot, aber ohne Sperrfrist und ohne Limit.
Wer eine mittelfristige Liquiditätsreserve für 5 bis 15 Jahre aufbauen will – etwa für ein Auslandsemester der Kinder, eine grössere Auszeit oder einen Wohnungswechsel – braucht ein Gefäss, das jederzeit zugänglich bleibt. Die Säule 3a ist dafür ungeeignet, weil sie an einen der Auszahlungsgründe (Pensionierung, Wohneigentum, Selbständigkeit) gebunden ist.
Wer selbständig arbeitet und in einer Tiefverdienstphase ist, kann mit der Säule 3a wenig steuerlich «herausholen». Da der Steuersatz ohnehin tief liegt, wiegt der Liquiditätsvorteil der Säule 3b schwerer als der entgangene Steuervorteil. Sobald das Einkommen wieder steigt, wird die 3a wieder attraktiver.
Welche Form für welches Ziel
Innerhalb der Säule 3b lohnt sich Differenzierung. Drei typische Bausteine:
Ein ETF-Wertschriftendepot ist die kostengünstigste Form für langfristigen Vermögensaufbau ausserhalb der 3a. Bei klassischen Online-Brokern (Saxo, Swissquote, IBKR) oder Neo-Anbietern (Yuh, finpension Invest, True Wealth) lassen sich Sparpläne ab 50 Franken pro Monat einrichten. Die Vermögenssteuer ist bescheiden – auf 100 000 Franken Depotwert sind in den meisten Kantonen 100 bis 300 Franken pro Jahr fällig.
Eine gemischte Lebensversicherung (Spar- mit Risiko-Anteil) ist 2026 nicht mehr automatisch sinnvoll. Die hohen Vertriebs- und Verwaltungskosten der ersten Vertragsjahre fressen oft die ersten zehn Prozent der Einzahlungen auf. Sinnvoll bleibt sie vor allem dann, wenn die freie Begünstigung oder ein Todesfallschutz für Familien mit Kindern entscheidend ist – und auch nur, wenn die Police nach mindestens fünf Jahren reissfest ist.
Ein Festgeld- oder Kassenobligationen-Setup ist die konservative Variante mit planbarem Cashflow. Bei Zinsen von 1.0 bis 1.5 Prozent für mittelfristige Laufzeiten 2026 ist das real noch immer wenig, aber besser als das reine Sparkonto.
Steuern und Stolperfallen
Die Säule 3b bringt keine Vorzüge bei der Einkommenssteuer, schlägt aber auf zwei andere Hebel durch: Erträge erhöhen das steuerbare Einkommen, das Vermögen die Steuerlast. Wer in einem Hochsteuer-Kanton wohnt und gleichzeitig die 3a noch nicht ausschöpft, fährt mit der 3a in der Regel besser.
Eine zweite Falle: Bei Lebensversicherungen mit Einmaleinlage prüft der Fiskus, ob ein Steuerumgehungs-Verdacht vorliegt. Wer 50 000 Franken Einmaleinlage in eine kapitalbildende Police steckt und nach fünf Jahren das Kapital zurückzieht, riskiert eine vollumfängliche Besteuerung der Erträge. Wer eine Säule 3b über eine Versicherung plant, sollte einen seriösen Berater hinzuziehen – oder schlicht beim Wertschriftendepot bleiben.
Konkreter nächster Schritt
Wer die Säule 3a für 2026 (CHF 7 258 für Angestellte) bereits voll bespart hat, sollte den nächsten Sparbetrag konsequent in ein Wertschriftendepot lenken – idealerweise mit derselben Strategie wie das 3a-Depot, etwa weltweite Aktien-ETFs mit niedriger TER. Wer noch nicht so weit ist, lohnt sich der Blick auf Wechselwirkungen mit den 3a-Apps – Details dazu unter dem Stichwort gestaffelter 3a-Bezug im Artikel Säule 3a gestaffelt beziehen: Progression brechen.
Die Säule 3b ist kein Ersatz für die 3a, sondern ihre Verlängerung – ohne Steuervorteil, aber mit der Freiheit, das Geld dann zu nutzen, wann es das Leben verlangt.