Wer ein Aktiendepot bei einem Schweizer Broker führt, lässt oft Geld liegen, ohne es zu merken. Die Positionen liegen Jahre lang im Depot, generieren Dividenden – und sonst nichts. Dabei gibt es ein zweites, leises Einkommen, das viele europäische Broker erst in den letzten Jahren auch für Retail-Kunden geöffnet haben: die Wertpapierleihe (Securities Lending). Aktien werden dabei gegen Gebühr an Dritte ausgeliehen, meistens an Hedgefonds, die damit Short-Positionen absichern. 2026 ist das Thema endgültig auch bei Swissquote, Saxo Bank und Interactive Brokers in der Schweiz angekommen.
Was Wertpapierleihe konkret ist
Im Kern funktioniert Wertpapierleihe wie eine Miete: Der Broker entleiht eine deiner Aktien an einen institutionellen Marktteilnehmer und erhält dafür eine Leihgebühr. Du bleibst wirtschaftlicher Eigentümer und behältst die Stimm- und Dividendenansprüche – allerdings nicht direkt, sondern als sogenannte Ersatzzahlung (Cash-in-lieu). Das ist steuerlich nicht identisch zur normalen Dividende und wird gleich noch wichtig.
Die Gebühr selbst ist marktabhängig. Bei breit gehaltenen Standardwerten wie Nestlé oder Apple verdienst du oft nur ein paar Basispunkte pro Jahr – also wenige Franken auf zehntausend Franken Position. Bei stark geshorteten oder seltenen Titeln – Small Caps, Biotech-Werte, manche US-Tech-Aktien – können hingegen Leihgebühren von zwei bis acht Prozent pro Jahr anfallen. Der Broker teilt die Einnahmen typischerweise hälftig mit dir, manche Anbieter (IBKR Pro im Stock Yield Enhancement Program) sogar mit dir als grösserer Partei.
Wer es anbietet – und zu welchen Konditionen
Bei Swissquote läuft die Wertpapierleihe seit 2024 unter dem Namen «Securities Lending Programme», auf Wunsch aktivierbar im Trading-Konto. Die Bank teilt die Erträge zur Hälfte mit der Kundin. Saxo Bank Schweiz bietet ein ähnliches Modell, Interactive Brokers sein etabliertes Stock Yield Enhancement Program (SYEP), das auch hierzulande seit Jahren genutzt wird. Klassische Depotbanken wie UBS oder ZKB lassen Retail-Wertpapierleihe meist nicht zu. Neo-Broker wie Yuh und neon haben den Mechanismus stillschweigend bereits im Modell – ein Grund, warum Gebühren dort oft tiefer sind.
Die Konditionen lohnen einen Vergleich: Bei IBKR wird die Leihgebühr taggenau abgerechnet, bei Swissquote monatlich, bei Saxo quartalsweise. Wer aktiv handelt, sollte zudem prüfen, ob Aktien während der Leihe verkauft werden können – meistens ja, aber mit Verzögerung von einem Handelstag.
Was du dafür aufgibst
Wertpapierleihe ist nicht risikofrei. Drei Punkte sollten klar sein:
Erstens: Während eine Aktie ausgeliehen ist, geniesst du keinen Schweizer Einlagenschutz über die Esisuisse, sondern hängst am Sicherheiten-System des Brokers. IBKR und Swissquote hinterlegen für jede ausgeliehene Aktie Cash- oder Treasury-Sicherheiten in Höhe von 102 bis 105 Prozent. Geht der Entleiher pleite, werden diese Sicherheiten verwertet. In der Theorie sehr solide, in der Praxis nie vollständig getestet.
Zweitens: Dividenden werden als Ersatzzahlung umqualifiziert. Das hat steuerliche Folgen. Die Schweizer Verrechnungssteuer auf Dividenden Schweizer Unternehmen ist nicht rückforderbar, wenn diese während des Dividenden-Stichtags ausgeliehen war. Wer Schweizer Bluechips hält, sollte vorher mit dem Broker klären, ob diese Titel um den Ex-Tag herum automatisch zurückgerufen werden. Bei US-Aktien ändert sich der Mechanismus für die Doppelbesteuerung – mehr dazu im Artikel US-Dividenden ohne 30% Verlust: DA-1, W-8BEN, Doppelbesteuerung.
Drittens: Stimmrechte ruhen. Wer an Generalversammlungen teilnehmen will, muss die Position rechtzeitig zurückrufen.
Realistisches Ertragspotenzial
Für ein klassisches Buy-and-Hold-Depot mit Standardwerten und ETFs sind 0.10 bis 0.30 Prozent Zusatzrendite pro Jahr realistisch. Bei 100 000 Franken Depotwert macht das 100 bis 300 Franken jährlich – ungefähr eine Quartalsdividende einer mittleren SMI-Position. Wer gezielt Small Caps oder volatile Tech-Aktien hält, kann mehr verdienen, dafür mit höherem Gegenparteirisiko und unangenehmen Dividendensaisons.
Wertpapierleihe ersetzt also keine eigene Anlagestrategie. Sie ist eher ein zusätzlicher Zinsdeckel auf bestehende Positionen – ähnlich wie Bauspar-Zinsen auf dem ohnehin geparkten Geld. Genau das macht sie attraktiv: kein zusätzlicher Aufwand, keine Markttiming-Entscheidungen, einmal aktiviert läuft sie still im Hintergrund.
Ein konkreter erster Schritt
Wer das ausprobieren will, beginnt mit einer kleinen Position und einem Broker, der die Wertpapierleihe transparent ausweist. Im Login-Bereich bei Swissquote findest du die Option unter «Konto / Wertpapierleihe aktivieren». Bei IBKR aktivierst du das SYEP in den «Account Settings → Trading Permissions». Nach drei Monaten siehst du in der Performance-Auswertung, welche Titel tatsächlich Erträge generiert haben – und kannst entscheiden, ob das Programm zu deiner Strategie passt.
Wertpapierleihe ist kein Hauptmotor für Vermögensaufbau, sondern eine ehrliche Optimierung an einer Stelle, an der die meisten Anleger schlicht Rendite verschenken. Für ein langfristig gehaltenes ETF- und Aktiendepot wird sie 2026 zur naheliegenden Zusatzschicht – leise, aber konstant.